Kita-Ausbildung : "Wir haben nur gespielt“

Bildung in Kitas, ja – aber wie? Eine Pädagogin meint: Die Ansprüche vieler Eltern sind übertrieben. Denn wenn das Kind nur spielt, hört bei den Etern der Spaß auf.

Antje Bostelmann
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Da freuen sich die Eltern. Frühes Englisch ist bei Vater und Mutter sehr beliebt. -Foto: dpa

Ein ganz normaler Kita-Morgen: Beim Abschied von den Eltern klammern einige Kinder, eines weint herzzerreißend. Den Müttern und Vätern steht der Stress ins Gesicht geschrieben. Einige tuscheln vor der Tür: „Gestern habe ich Leonie ein paar Minuten zu spät gebracht“, ereifert sich eine Mutter. „Die Erzieherin hat uns glatt aus dem Morgenkreis geworfen!“ Ein Vater pflichtet ihr bei: „Ich begreife diese Selbstgefälligkeit nicht. Was veranstalten die denn schon Wichtiges mit unseren Kindern?!“ Was läuft hier gerade schief? Ist das eine schlechte Kita?

Schulanfänger genießen besondere Rücksicht im Straßenverkehr, weil sie weder Erfahrung noch Überblick haben. Aber was ist mit Erziehungsanfängern? Eltern sind ähnlich hilflos, wenn sie an der Schwelle des Kindergartens stehen. Auch wenn sie Akademiker sind, haben Eltern, anders als Pädagogen, meist wenig Erziehungswissen und -erfahrung. Sie sind sich dieses Kompetenzgefälles aber leider zu selten bewusst.

Als Pädagogin und Mutter kenne ich die Gemengelage aus jahrzehntelanger Erfahrung von beiden Seiten. Eltern erwarten von der Betreuung ihrer Kinder sehr viel, das Meiste davon ist unrealistisch. Gleichzeitig kennen sie sich kaum mit pädagogischen Prozessen aus. Die Sorge um das Wohlergehen ihres Kinds treibt sie zu einem hilflosen Aktionismus. Nicht selten kommt es zu Animositäten, übler Nachrede, böse Briefen, Vertragskündigung oder gar einer Anzeige beim Jugendamt.

"Futter für den Kopf"

Die meisten Krisen entzünden sich an drei Punkten: Die Eingewöhnungs-Phase ist für Eltern wie Kinder schwierig; die strikten Kita-Regeln verärgern Eltern; und – darauf möchte ich mich hier konzentrieren – ihr Bildungsbegriff unterscheidet sich von dem der Erzieher. Wenn das Kind den ganzen Tag scheinbar nur spielt, anstatt etwas zu lernen, hört bei vielen Eltern der Spaß auf. Die Mutter eines Vierjährigen begründete ihre Forderung nach mehr Bildung in der Kita so: „Wir als Eltern fördern und fordern unseren Sohn und finden, dass er ständig Futter für seinen Kopf braucht!“

Laut einer Forsa-Umfrage erwarten 79 Prozent der Eltern eine stärkere gezielte Förderung der Kinder in den Kitas. Die meisten ambitionierten Bildungsvorstellungen sind gut gemeint, aber pädagogisch unsinnig. Klingt vielleicht hart. Wir Erziehungsexperten glauben, dass es noch härter ist, Kinder zu überfordern und mit unzähligen Zusatzangeboten zu überhäufen, die sie weder brauchen noch verarbeiten können. Sinnvolle Frühförderung ist etwas anderes.

Der Anspruch auf Kinder-Bildung scheint vielen Eltern dem hohen Stellenwert des freien Spiels in der Kita zu widersprechen. „Auf der Homepage bezeichnen Sie Ihre Einrichtungen als Bildungskindergärten. Diesen Anspruch, den ich persönlich sehr begrüße, finde ich in der Praxis kaum umgesetzt“, beschwerten sich die Eltern von Simon. „Wenn ich meinen Sohn frage, was er tagsüber gemacht hat, sagt er: ‚Wir haben nur gespielt.' An konkrete Angebote scheint er sich nicht zu erinnern. Entweder gibt es keine Angebote, oder sie sind so uninteressant, dass er sie schnell vergisst!“, sorgte sich der Vater. Und forderte eine „konsequente Bildungsarbeit, die man beispielsweise an eingeführten Liedern und Gedichten merken würde“.

Spielen ist freudiges Lernen

Spielzeit ist Lernzeit! Spielen ist Erkenntnis und Kreativitätstraining, fördert Experimentierfreude und mathematische Kompetenz, trainiert den sozialen Sinn und den Bewegungsapparat. Spielen macht mutig und einfach Spaß! Spielen ist freudiges Lernen auf vielen Gebieten gleichzeitig. Wer nicht begreift, wie viel Wichtiges im Freispiel gelernt wird, klammert sich an die Hoffnung, sein Kind mit ein paar Stunden Instrumentalunterricht, Frühenglisch oder Schwungübungen zu fördern. Eltern können die Relevanz von offenen Angeboten und freiem Spiel schlecht einschätzen, wenn sie nicht pädagogisch ausgebildet sind – oder als Beobachter dabei sein können.

Eine gute Kita sollte den Eltern deswegen Hospitationen ermöglichen, also tageweise Besuche in der Kita. Und Erzieherinnen sollten den Kita-Alltag in Fotos, Postern, Ton- oder Video-Mitschnitten dokumentieren. Dieser Dokumentation muss es gelingen, die Vielfalt des Kita-Alltags sichtbar zu machen. Bildung ereignet sich in Prozessen und zeigt sich in Kompetenzen, die ein Kind sich aneignet – Erfolge, die Eltern erfahren sollten. Je klarer sie Lernerfolge erkennen, umso weniger bestehen sie auf Kreativitätsbeweisen wie Scherenschnitten und Kork-Untersetzern.

Eltern, die dennoch befürchten, ihre Kita genüge modernen Bildungsanforderungen nicht, sollten sich das Konzept erläutern lassen: Wie genau macht ihr Bildung? Wenn das Bildungskonzept in sich schlüssig und die Erzieherinnen bestrebt sind, es umzusetzen, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder die Eltern lehnen das Konzept prinzipiell ab, dann sollten sie in der Tat die Kita wechseln.

Nicht gleich die Kita wechseln

Wenn sie dem Konzept zustimmen, aber die Erzieher bekennen, es derzeit nicht umsetzen zu können, können Eltern Hilfe anbieten. In Absprache mit dem Erzieherteam – Voraussetzung für gutes Gelingen! – können sie den passende Rahmen schaffen: Braucht ihr Materialien, die wir auftreiben könnten? Sollen wir Spenden sammeln? Wer emotional offen kommuniziert, Sorgen benennt und um Hilfe bittet, erhält Verständnis – wer dagegen von oben herab kritisiert, und sei es aus Unsicherheit, erntet Abwehr. Wem es gar schwer fällt, sachlich zu bleiben, sollte Dritte um Hilfe bitten – Elternvertreter, Erziehervertreter, einen Mediator.

Erziehungsanfänger, die ihr Kind in eine professionelle Betreuung geben, sollten in der Krise nicht gleich das Handtuch werfen und die Kita wechseln. Es geht um die Kinder, um empfindsame kleine Menschen, die man nicht beliebig aus Bezugsgruppen herausreißen und sie lehren darf, Weglaufen sei eine probate Lösung.

Die Autorin ist Geschäftsführerin der Klax GmbH, die in Berlin Kindergärten, eine Kinderbildungswerkstatt und eine Grundschule unterhält (www.klax-online.de). Sie hat gerade das Handbuch „Achtung, Eltern! im Kindergarten" herausgegeben, das typische Konflikte zwischen Eltern und Erziehern beleuchtet und praxiserprobte Lösungswege vorstellt (Verlag an der Ruhr, 128 Seiten, 19,50 Euro).

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