Kittel, Keime und Krawatten : Zwischen Respekt und Infekt

Adelheid Müller-Lissner

Nicht nur Stethoskope können im Krankenhaus-Alltag zu Keimschleudern werden, sondern auch die Arztkittel. Im Jahr 2011 veröffentlichten israelische Forscher im ‚American Journal of Infection Control' dazu schockierende Ergebnisse: 60 Prozent der Arztkittel, deren Ärmel und Taschen sie im Labor untersucht hatten, trugen gefährliche Krankenhauskeime, darunter auch gegen Antibiotika resistente.

Für die Bekleidung auf Intensivstationen und in OP-Bereichen gelten ohnehin strenge Richtlinien. Im Februar dieses Jahres veröffentlichten US-Infektionsexperten aber auch Empfehlungen für alle anderen Ärzte und Pflegekräfte im Krankenhaus: Kittel sollten häufiger ausgetauscht werden und möglichst kurze Ärmel haben, Ringe und Uhren sollten ausgezogen werden.

Schon im Jahr 2006 hat die British Medical Association ein modisches Accessoire zur mikrobiologischen Dreckschleuder erklärt, das gemeinhin für besondere männliche Seriosität steht: Die Krawatte. Eigentlich erstaunt das nicht, denn Schlipse werden nur selten gereinigt, sie haben die Tendenz, zu baumeln und dann mit unterschiedlichen Flüssigkeiten in Kontakt zu kommen, darunter im Klinikalltag sogar Blut oder Eiter. „Es gibt zwar keinen Beweis dafür, dass Patienten sich durch Krawatten angesteckt hätten, aber es gibt gute Gründe dafür, dass das passieren könnte“, urteilt der US-Infektiologe Gonzalo Bearman.

Umso mehr verwundert, dass die schottische Infektiologin Stephanie Dancer im letzten Jahr in einem Beitrag für das ‚British Medical Journal' gegen den „Gammellook“ vieler Kollegen zu Felde zog und ihnen empfahl, zum Zeichen des Respekts vor ihren Patienten bei der Arbeit Krawatte zu tragen. Möglicherweise sei die Fliege hier ein Ausweg, hieß es kurz darauf im Kommentar eines Lesers.

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