Klangkünstler : „Eine Tür, die zufällt, klingt nie gleich“

Hans Peter Kuhn experimentiert mit Sound und macht aus allem Geschichten, auch aus dem Summen eines Kühlschranks und dem Lied eines Vogels

Marianne Karthäuser
Hans Peter Kuhn bei den Proben zu dem Stück „Sounds for a While“, mit dem er und seine Studierenden die Tischlerei der Deutschen Oper in einen Klangraum verwandelten.
Hans Peter Kuhn bei den Proben zu dem Stück „Sounds for a While“, mit dem er und seine Studierenden die Tischlerei der Deutschen...Foto: Johannes Bock

Herr Kuhn, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Klang in seinen unterschiedlichen Ausprägungen. Woher kommt diese Begeisterung?
Aus der eigenen Erfahrung der Welt. Wenn Sie mit geschlossenen Augen in verschiedene Räume gebracht werden, könnten Sie mit erstaunlich großer Präzision sagen, um was für Räume es sich handelt. Man hört, ob man im Badezimmer, in der Speisekammer oder im Konzertsaal ist. Klang ist alles, was mit dem Hören und Geräuscherzeugung zu tun hat. Daraus habe ich für mich etwas entwickelt, das ich auf Geräuschbasis mache – also mit allem, was in irgendeiner Weise Krach macht.

Wenn wir über Räume sprechen: Mögen Sie da lieber Hallen oder Kammern?

Ich muss zugeben, dass ich besser mit großen Räumen umgehen kann, weil ich Distanzen brauche. Meine Klänge sind immer irgendwie distanziert. Ich arbeite mit so genannten fieldrecordings, also aufgenommenen Geräuschen, die ich so isoliere, dass sie nur noch in ihrer Struktur vorhanden sind. Was ich mache, hat viel mit Natur zu tun – sie ist nur digital manipuliert.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Nehmen Sie die Tür. Sie können die tausendmal zuschlagen und es wird keine zwei Geräusche geben, die genau gleich sind. Das finde ich spannend: Die Natur gibt immer eine ganz dezidierte Struktur und Klangwelt vor. Ich kann natürlich aus synthetischen Klängen etwas sehr Komplexes machen, aber Geräusche, die nicht geformt wurden, sondern aus sich selbst heraus klingen, hören sich anders an.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Ich arbeite sieben Tage die Woche, bin also jemand, der nicht gut Ferien machen kann. Zunächst versuche ich mir zu überlegen: Was für einen Eindruck willst du haben vom Sound, was für ein Gefühl soll das sein? Damit meine ich nicht Kategorien wie „traurig“ oder „lustig“, es ist komplexer. Ich habe ein Archiv mit vielen Sounds, die ich seit Jahren sammle. Und dort probiere ich herum. Meistens mache ich noch etwas am Klang, weil ich gerne möchte, dass der Inhalt weggeht. Der Hörer soll nicht sofort die Assoziation haben: Aha, das ist ein Auto! Nein, er soll einfach erstmal hinhören, ohne gleich zu entschlüsseln. Manchmal lasse ich die Klänge auch, wie sie sind. Dann erkennt man sie zwar, aber ich stelle sie so zusammen, wie sie eigentlich nicht vorkommen, zum Beispiel: Kühlschranksummen und Vögelchen und Wasserfall. Auf beide Weisen entstehen eigene Räume und Geschichten. Obwohl ich eigentlich gar keine Geschichten erzähle, mache ich Geschichten. Wir machen ja aus allem Geschichten. Wir können gar nicht geschichtenfrei denken.

Das Gespräch führte Marianne Karthäuser. Hans Peter Kuhn begeistert sich schon sein ganzes Leben für Klänge. In den vergangenen 40 Jahren hat er als Komponist und Klangkünstler unter anderem mit Robert Wilson und Sasha Waltz gearbeitet. Seine raumgreifenden Installationen werden international ausgestellt. Er unterrichtet experimentelle Klanggestaltung im Studiengang Sound Studies am Zentralinstitut für Weiterbildung der UdK Berlin. Am 25. Juni feierte die Klangperformance „Sounds for a While“ in der Deutschen Oper Berlin Premiere, die er gemeinsam mit Studierenden entwickelte.

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