Kleine Fächer an Universitäten : Wo die Orchideenfächer gedeihen

Die kleinen Fächer sind in Deutschland an vielen Uni-Standorten weiter bedroht. Doch die jetzt aktualisierte Kartierung der Orchideen-Fächer verzeichnet auch positive Entwicklungen.

von
Das Skelett eines Urlöwen wird in einem Museum von einer Frau installiert.
Vorerst stabilisiert. Die Paläontologie gehört zu den Fächern, die seit 1997 viele Stellen verloren hatten, in denen der Abbau...Foto: Imago

Turkologen und Judaisten, Altorientalisten und Japanologen haben im Frühjahr auf dem Campus der Freien Universität Berlin ihre Umzugskisten gepackt. Aus den Dahlemer Villen, in denen sie jahrzehntelang untergebracht waren, siedelten sie in die „Holzlaube“ im zentralen Uni-Komplex für die Geisteswissenschaften an der Habelschwerdter Allee über. Mit dem Neubau hebt die FU ihre kleinen Fächer heraus, will die Arbeitsbedingungen durch eine gemeinsame Bibliothek verbessern. Eingepackt hat auch die Indische Kunstgeschichte – ein gutes halbes Jahr vor dem großen Umzug. Und sehr wahrscheinlich für immer.

Aus für die Indische Kunstgeschichte in Berlin

Als die Professuren und Standorte in den kleinen Fächern vor vier Jahren erstmals bundesweit dokumentiert wurden, galt die Indische Kunstgeschichte bereits als Sorgenkind. An der Uni Bonn hatte man sie nach 2007 von einer vollen Professorenstelle auf eine Drittelzuständigkeit gekürzt. Daneben war das Fach nur noch an der FU vertreten. Doch die Aufmerksamkeit, die die von der Hochschulrektorenkonferenz und vom Bundesforschungsministerium ins Leben gerufene Kartierung auf bedrohten Fächer lenken soll, hat der Indischen Kunstgeschichte nicht geholfen. Vor einem Jahr gingen auch am FU-Institut die Lichter aus – begleitet von Protesten der Museumsleute. Sie befürchten zu Recht, dass ihren Sammlungen der Nachwuchs ausgeht. Jetzt kann das Fach den zweifelhaften Anspruch erheben, das wohl allerkleinste der Orchideenfächer zu sein.

Die Kartierung von 2011 hatte die Potsdamer Arbeitsstelle unter der Leitung des Slavisten Norbert Franz unternommen. Nach der Vorlage des ersten Berichts lief die Förderung vom Bund aus, Rheinland-Pfalz sprang ein und teilt sich heute die Finanzierung mit der Uni Mainz. Das dortige Team legt jetzt eine erste Aktualisierung vor. Das Schicksal der Indologie ist darin eines der Negativbeispiele für die aktuelle Entwicklung.

Besonders gefährdet sind alte Kulturen und Sprachen

Abgebaut würden weiterhin vor allem Fächer in den Alten Kulturen und Sprachen, beobachtet Projektleiterin Mechthild Dreyer, Professorin für Philosophie des Mittelalters und Vizepräsidentin für Studium und Lehre an der Uni Mainz. Stark verloren hat etwa die Indogermanistik: 1997 gab es noch 22 Professuren an 23 Standorten, heute sind es 12,5 an 13 Standorten. Eine Professur fiel noch in den vergangenen vier Jahren weg – an der FU Berlin. Gestrichen wird auch bei der Sprachlehrforschung, hier wurden seit 1997 von einst neun Professuren sieben nicht wieder besetzt.

Eine dramatische Entwicklung, ist doch die indogermanische beziehungsweise indoeuropäische Sprachfamilie mit drei Milliarden Sprechern die weltweit reichste. Überhaupt handelt es sich bei den kleinen Fächern oft um Grundlagenfächer, die elementar für das Verständnis der Geistes- und Kulturgeschichte sind.

Fächersterben? So will es die Arbeitsstelle nicht sehen

Doch das Mainzer Team hält nichts vom Bild des „Aussterbens“. „Selbstverständlich sind das Einschnitte, die nicht übersehen werden dürfen. Aber wir sollten wissenschaftliches Wissen nicht als ‚festes Gut’ ansehen, sondern die prinzipielle Dynamik von Wissenschaft mitdenken“, sagt Mitarbeiterin Katharina Bahlmann, eine Kunsthistorikerin. Disziplinäre Forschung fände nicht nur dort statt, wo es eine ausgewiesene Professur oder ein Fachinstitut gibt. Vorbildlich sei etwa der Jenaer Indogermanist Martin Joachim Kümmel, der Lehrmodule aus seinem Fach in andere Studiengänge transferiere. So sei es ihm möglich, eine Handvoll Studierender genuin indogermanistisch auszubilden, gleichzeitig aber viele im interdisziplinären Diskurs. Dreyer verweist darauf, dass sich etwa die Kunstgeschichte insgesamt globaler aufgestellt habe. An regionalen Spezialgebieten festzuhalten, entspreche einem „Schubladendenken“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben