Klimaforschung : Hartnäckiges Eis im Himalaja

Wie schnell schmelzen die Gletscher in Zentralasien? Satellitendaten zeigen: Der Eisverlust ist geringer als vielfach befürchtet, die Wasserversorgung Indiens nicht in Gefahr.

Sven Titz
Eisiges Dach der Welt. Ein Gletscher am Fuße des Mount Everest (2. v. re.) und des Nuptse (re.).
Eisiges Dach der Welt. Ein Gletscher am Fuße des Mount Everest (2. v. re.) und des Nuptse (re.).Foto: Etienne Berthier

Wenn Eiszungen im Gebirge schmelzen, ist das offenbar eine ziemlich beeindruckende Show. „Es scheppert auf den Gletschern, ständig rutscht etwas und es tropft“, erzählt Andreas Kääb. Er hat das oft erlebt, denn der Glaziologe der Universität Oslo hat schon viele Gletscher untersucht. Jüngst waren die Eiskolosse im Himalaja sowie in den angrenzenden Gebirgen Karakorum und Hindukusch dran. Zusammen mit französischen Kollegen hat er zum ersten Mal umfassend bestimmt, wie sich die Gletschermasse in diesen Hochgebirgen verändert hat, und zwar für die Jahre 2003 bis 2008. Dazu werteten die Forscher Messdaten des Nasa-Satelliten „Icesat“ aus.

Nachrichten von den schrumpfenden Gletschern im Himalaja haben in jüngster Zeit viele Menschen beunruhigt. Denn das Wasser in den Flüssen Südasiens stammt im Sommer zum Teil von schmelzendem Eis. Falls die Gletscher eines Tages ganz verschwinden würden, würde dieser Zufluss fehlen. Doch steht es wirklich so schlecht um die frostigen Wasserspeicher? Im Durchschnitt seien die Eispanzer jedes Jahr um 26 Zentimeter dünner geworden, berichten die Forscher im Fachmagazin „Nature“. Damit ging jährlich ungefähr ein halbes Prozent des gesamten Gletschereises in den asiatischen Hochgebirgen verloren.

Eine weitere Analyse von Satellitendaten von Thomas Jacob und Kollegen, ebenfalls in „Nature“ veröffentlicht, hatte kürzlich einen noch geringeren Eisverlust ergeben. Sie steht einer älteren Studie des Kanadiers Graham Cogley in den „Annals of Glaciology“ entgegen, die auf Messungen direkt auf den Gletschern basiert – und einen viel größeren Schwund nahelegt. Kääbs Resultat liegt dazwischen.

Das neue Ergebnis könne helfen, „die Panik wegen der regionalen Wasserressourcen zu dämpfen“, meint Cogley in einem Kommentar in „Nature“. Die Gletscher entwickelten sich allerdings unterschiedlich. Der Himalaja verlor etwas rascher Eis als die beiden anderen Gebirge. Besonders gering war der Eisverlust im Karakorum, was frühere Arbeiten zu diesem Gebirge bestätigt.

Die Glaziologen haben auch untersucht, was ihre Ergebnisse für die Wasserversorgung in Südasien bedeuten. Denn wenn ein Gletscher mehr Schmelzwasser abgibt als zuvor, lässt dieses zusätzliche Wasser die Flüsse anschwellen – so lange jedenfalls, wie der Gletscher existiert. Kääbs Team hat errechnet, dass wegen des Eisverlusts in den Jahren 2003 bis 2008 der Ganges 2 Prozent und der Indus 3,5 Prozent mehr Wasser führten. Für den Oberlauf des Indus jedoch haben die Forscher einen Zuwachs von 10 Prozent ermittelt. „Das ist schon eine erstaunlich hohe Zahl“, sagt der Wissenschaftler. Da der Zuwachs durch Gletscherschwund zustande komme, sei es kein nachhaltiges Wasser.

Generell ist die Wasserversorgung je nach Region unterschiedlich vom Gletscherschwund betroffen. In Bhutan, Nepal und Teilen von Indien werden die Flüsse im Sommer hauptsächlich aus dem Monsunregen gespeist. Die Eisschmelze spielt dort kaum eine Rolle, es gibt genug Wasser in den Flüssen.

Zu einem ähnlichen Schluss kommt die US-amerikanische Akademie der Wissenschaften in einem aktuellen Report über die Himalajagletscher. In den meisten Regionen sei die Wasserversorgung in erster Linie durch Änderungen des Monsuns, Bevölkerungswachstum und immense Grundwasserentnahme bedroht, heißt es – und nicht durch die Gletscherschmelze.

Ganz anders verhält es sich in sehr trockenen Gebieten des Karakorums: Dort liefert Kääb zufolge in einigen Einzugsgebieten im Sommer allein die Gletscherschmelze das Wasser. Sollten diese Gletscher eines Tages stark zu schrumpfen beginnen, wäre die sommerliche Wasserversorgung in Gefahr. In den vergangenen Jahren wurde solch ein starkes Schmelzen allerdings nicht beobachtet.

Besonders fortschrittlich an der neuen Studie ist die Methode, mit der Kääbs Team den Eisverlust ermittelte. Sie nutzten einen lasergestützten Höhenmesser an Bord von Icesat. Durch den Vergleich von Daten mehrerer Jahre errechneten sie, wie sich die Eisdicke veränderte. Andere Methoden zur Vermessung der Gletscher scheinen unterlegen zu sein. Vor allem das herkömmliche Verfahren mit Stangen, die in den Gletscher gesteckt werden, schneidet schlecht ab. Die lokalen Messungen haben offenbar zu große Werte für den Eisverlust des ganzen Gebirges geliefert. Dafür gibt es mehrere Gründe. Im Himalaja seien viele Gletscher erst nach fünf Tagen Fußmarsch zu erreichen, berichtet Cogley. Wegen dieser Mühen würden oft tiefer gelegene Gletscher für die Messungen ausgesucht, die stärker schmölzen. Außerdem suchten sich Forscher meist kleine Gletscher für ihre Studien aus, was die Ergebnisse ebenfalls verzerre.

Als besonders wertvoll könnte sich die Studie von Kääbs Team in einem Zusammenhang erweisen, der mit Gletschern gar nichts zu tun hat: Möglicherweise lässt sich nun der Verlust an Grundwasser in Indien genauer bestimmen. Dort pumpen viele Bauern Wasser aus den Brunnen, bis sie nichts mehr hergeben.

Bisher nutzte man zur Berechnung des Grundwasserschwunds gerne das Satellitenduo „Grace“. Die Satelliten messen mit hochpräzisen Instrumenten, wie sich lokal die Anziehungskraft der Erde ändert. Ob Grundwasser verschwindet oder Gletscher schrumpfen – beide Massenverluste werden registriert. Im Übergangsbereich vom Himalaja zu Indien lassen sich die Verluste aber nicht genau voneinander trennen. Da „Icesat“, der bis 2009 aktiv war, präzise Werte für den Gletscheranteil geliefert hat, schlagen Kääb und seine Kollegen jetzt vor, die Messdaten der Satellitenmissionen miteinander zu verrechnen. Auf diese Weise wollen sie endlich genaue Daten für den Grundwasserschwund erhalten.

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