Klimaforschung : Heiße Polarregionen

Der Weltklimarat hat im vergangenen Jahr erklärt, für jeden Kontinent sei der menschliche Einfluss auf das Klima klar bewiesen – außer für die Antarktis. Jetzt zeigen britische Forscher, dass auch dort der Klimwandel hausgemacht ist.

Roland Knauer
Arktis-Herbst fünf Grad wärmer - Dramatische Eisschmelze
Schneeweißer Schutz. Je mehr Eis am Nordpol schmilz, desto weniger Sonnenstrahlung kann reflektiert werden. So heizt sich die...Foto: Nasa/dpa

Britische Forscher haben jetzt anhand von Klimamodellen gezeigt, dass auch die Erwärmung an den Polen nicht allein auf natürliche Klimaschwankungen zurückzuführen ist. Nur wenn sie menschliche Einflüsse wie den Ausstoß von Treibhausgasen in ihre Simulationen einbezogen, wurden derart große Temperaturerhöhungen errechnet, wie sie in den vergangenen Jahrzehnten gemessen wurden. Die Ergebnisse wurden online im Fachjournal „Nature Geoscience“ veröffentlicht.

Erst jetzt wurde bewiesen, dass auch der Klimawandel in der Antarktis hausgemacht ist

Simulationen der Vergangenheit sind eine wichtige Qualitätskontrolle für Klimaforscher: Nur wenn ein Computermodell den tatsächlich gemessenen Temperaturverlauf korrekt wiedergeben kann, ist es für Projektionen in die Zukunft geeignet. Doch die Prognosen können trotzdem ungenau sein. Viele der Kurven, die zeigen, wie sich das Klima in den kommenden Jahrzehnten entwickeln dürfte, verlaufen oftmals sehr regelmäßig. Dabei sprang in der Vergangenheit das Klima manchmal abrupt, wenn bestimmte Grenzwerte überschritten und im übertragenen Sinn Schalter umgelegt wurden. Weil solche Klimasprünge aber nur grob geschätzt werden können, sind sie in vielen Modellen kaum berücksichtigt. Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung haben daher 15 solcher möglichen „Kippschalter“ untersucht, um ihren Einfluss besser abschätzen zu können.
Klimamodelle zeigen, warum sich die Erwärmung immer stärker beschleunigt

Wie sie im Fachblatt „PNAS“ berichten, sind zwei dieser Kippschalter besonders wirkungsvoll. Einer ist das Eis auf dem Meer um den Nordpol. Wenn die mittlere Temperatur auf dem Globus nur um ein halbes bis zwei Grad Celsius steigt, könnte es passieren, dass im Sommer diese Eisdecke vollständig abschmilzt. Da die Temperaturen in den letzten 100 Jahren schon um 0,75 Grad gestiegen sind, könnte dieser Schalter bereits umgelegt sein, fürchten die Forscher.

Bisher reflektiert das Eis um den Pol den größten Teil der einfallenden Sonnenenergie. Treffen die Sonnenstrahlen aber nicht auf blendend weißes Eis, sondern auf dunkles Wasser, wird viel Wärmeenergie eingefangen. Die Arktis heizt sich auf. Offenbar läuft dieser Prozess bereits. Im September 2007 war die Eisdecke über dem Meer um den Nordpol auf 4,3 Millionen Quadratkilometer geschrumpft – ein gutes Drittel weniger als der Durchschnitt der Jahre 1979 bis 2000. Auch in diesem Jahr war das Meereis bis auf 4,7 Millionen Quadratkilometer abgetaut.

Auch der Eispanzer über Grönland schrumpft

Der zweite Kippschalter ist der Eispanzer über Grönland. Weil die Temperaturen in hohen Breiten rasch steigen, könnten die Ränder des Eispanzers schneller als bisher abschmelzen. Dadurch fließt mehr Eis aus dem Inneren nach und der Eispanzer verliert an Höhe. Weil es kurz über dem Meeresspiegel wärmer ist, wären größere Bereiche von der Schmelze betroffen als bislang. Im schlimmsten Fall würde der Großteil des Grönlandeises innerhalb von 300 Jahren schmelzen und den Meeresspiegel um zwei bis sieben Meter steigen lassen. Schon bei einer weltweiten Erwärmung um ein bis zwei Grad Celsius könnte es so weit sein, vermuten die Forscher. Da niemand weiß, ob und wie das Abschmelzen des Grönlandeises gestoppt werden kann, scheint das Weltklima in diesem Bereich einer kritischen Grenze gefährlich nahe zu sein. (mit nes/dpa)

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