Klimawandel : "Der Mensch ist kein Naturschützer"

Warum der Weltklimagipfel in Durban dennoch ein Erfolg werden kann, erklärt der Evolutionsbiologe Peter Hammerstein im Interview.

Peter Hammerstein (62) ist Evolutionsbiologe und leitet den Sonderforschungsbereich „Theoretische Biologie“ an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Peter Hammerstein (62) ist Evolutionsbiologe und leitet den Sonderforschungsbereich „Theoretische Biologie“ an der...Foto: HU Berlin/Heike Zappe

Am Montag beginnen die Klimaverhandlungen in Durban. Überspitzt formuliert: Sieben Milliarden Menschen sollen sich auf einen Fahrplan zum Klimaschutz einigen. Müssen wir jetzt dafür bezahlen, dass wir mit der Natur so rücksichtslos umgegangen sind?

Zunächst möchte ich klarstellen, dass die gängige Vorstellung, unsere Vorfahren hätten immer im Einklang mit der Natur gelebt, bezweifelt werden muss. Auch in den einfachen Stammesgesellschaften haben Menschen die Erde nur nach ihren Wünschen ausgenutzt. Dass zum Beispiel von den Jägern und Sammlern keine gewaltigen Umweltschäden bekannt sind, liegt einfach daran, dass es so wenige von ihnen gab. Was aber passieren kann, wenn zu viele Menschen auf engem Raum leben, zeigen uns die Osterinseln. Die Einwohner dort haben vor rund 1000 Jahren begonnen, sämtliche Bäume abzuholzen und die Inseln weitgehend der Erosion ausgesetzt. Sie haben ihre Umwelt nahezu vollständig zerstört, ohne dass es einen „schlechten Einfluss“ unserer westlichen Kultur gegeben hätte. Das wird jenen Anthropologen nicht gefallen, die gern das Bild des „edlen Wilden“ pflegen und die Schattenseiten menschlicher Existenz der Zivilisation ankreiden. Es zeigt eben: Der Mensch ist kein geborener Naturschützer.

Also können wir uns die langen Verhandlungen in Durban gleich sparen.

Aber nein. Die Erfahrung lehrt, dass es uns immer wieder gelingt, die eigene Natur zu überwinden. Die Zivilisation ist eben nicht das Übel, sondern unsere Chance. Das sehen wir zum Beispiel beim Thema der Aggression: Die Gewalt hat unzweifelhaft biologische Wurzeln, aber trotzdem sind die meisten von uns doch keine Gewalttäter. Das Ausmaß der alltäglichen Gewalt in der Gesellschaft ist in den vergangenen Jahrhunderten sogar dramatisch zurückgegangen. Mithilfe von Kultur, Sozialisation und rationalem Denken können wir unsere Natur erstaunlich gut in Schach halten. Darum glaube ich, dass wir auch beim Klimaschutz zueinanderfinden können.

Aber das Klimasystem arbeitet langsam. Was jetzt beschlossen wird, bekommen erst die nächsten Generationen zu spüren. Kann unsere Spezies überhaupt mit so langen Zeiträumen umgehen, oder leben wir eher in einem „Nach mir die Sintflut“-Modus?

Natürlich schaut der Mensch zuerst auf seine unmittelbare Umgebung, auf seinen Vorteil im Hier und Jetzt. Aber es gibt auch viele Beispiele dafür, dass wir sehr wohl in großen Zeiträumen denken können. Etwa wenn Waldbesitzer Bäume pflanzen, die erst in hundert Jahren wirtschaftlich genutzt werden können.

Dabei hat der Waldeigentümer vielleicht ein Bild seiner Enkel vor Augen. Der Nutzen käme seiner eigenen Familie zugute.

Verwandtschaft fördert hier die Motivation, das stimmt. Aber sehen wir uns die Hochwasserkatastrophen der vergangenen Jahre an der Oder, dem Rhein oder der Elbe an. Da haben viele Leute gespendet, manche sind sogar hingefahren, um mit anzupacken, obwohl in den meisten Fällen weder Verwandte noch Bekannte betroffen waren.

Die Überschwemmungen waren uns aber räumlich nah und haben damit unsere eigene Verwundbarkeit deutlich gemacht.

Das spielt eine Rolle. Dennoch haben auch jetzt bei der Flutkatastrophe in Thailand viele Deutsche geholfen, mit Geld oder durch Engagement. Das Entscheidende ist, die Aufmerksamkeit der Menschen zu gewinnen. Das ist nicht immer leicht, weil vor allem die großen, erschütternden Ereignisse von den Medien abgebildet werden. Der schleichende Meeresspiegelanstieg zum Beispiel oder regionale Ernteausfälle, weil es zu wenig Regen gab, solche Ereignisse werden eher selten aufgegriffen, weil sie nicht unmittelbar als Katastrophe wahrgenommen werden. Aber ich bleibe dabei, wenn es gelingt, Aufmerksamkeit für ein Thema zu bekommen, dann ist viel möglich. Insofern bin ich auch für den internationalen Klimaschutz optimistisch.

Die Fragen stellte Ralf Nestler.

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