Klimawandel : Labiler Planet

Um den Klimawandel zu bewältigen, genügt es nicht, Emissionen zu verringern.

Ralf Nestler
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Über Wasser. Im Zuge des Klimawandels werden die Meerespegel steigen. Dagegen helfen nur konkrete Maßnahmen wie zum Beispiel...dpa

Im Dezember werden Politiker aus aller Welt in Kopenhagen um verbindliche Regeln für den Kohlendioxidausstoß ringen. Selbst wenn es gelingen sollte, drastische Reduktionen festzuschreiben, ist damit nicht garantiert, dass die Temperatur bis zum Ende des Jahrhunderts um höchstens zwei Grad Celsius steigt. Denn neben den Treibhausgasen, die vom Menschen in die Atmosphäre geblasen werden, wird das Klima von zahlreichen natürlichen Einflüssen gesteuert. Weil diese mitunter kaum verstanden sind, ist auch deren Anteil an der Erderwärmung unklar. Umso wichtiger sei es, die Menschheit mit gezielten Maßnahmen wie Deicherhöhungen auf die unvermeidlichen Veränderungen vorzubereiten. Das machen die Chefs dreier großer deutscher Geoinstitute in einem Thesenpapier deutlich, das sie am Dienstag auf der Konferenz „Klima im System Erde“ in Berlin vorstellten.

„Es steht außer Zweifel, dass der Mensch zur Klimaänderung beiträgt“, schreiben Reinhard Hüttl vom Geoforschungszentrums in Potsdam (GFZ), Karin Lochte vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven (AWI) und Volker Mosbrugger von der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung in Frankfurt/Main (SGN). „Wir unterstützen daher nachdrücklich die Bemühungen Deutschlands um eine signifikante Reduktion der Treibhausgasemissionen.“ Allerdings gebe es momentan eine zu starke Fixierung auf die Verringerung der Emissionen.

„In der Öffentlichkeit entsteht der Eindruck: Sobald wir den CO2-Ausstoß in den Griff kriegen, sind wir vor den negativen Effekten des Klimawandels weitgehend geschützt“, sagte Hüttl. Da seien er und seine Kollegen anderer Meinung. „Ein Beispiel: Wenn in Süddeutschland tropische Insekten leben, die gefährliche Krankheiten übertragen, kann man die nicht mit einem verringerten CO2-Ausstoß bekämpfen. Da müssen konkrete Maßnahmen gegen die Tiere beziehungsweise die Krankheiten ergriffen werden.“

Auch was die Klimaentwicklung an sich betrifft, gebe es noch große Unsicherheiten. „Erst seit wenigen Jahren wissen wir, dass bis zu fünf Kilometer tief im Untergrund einfache Bakterien leben, die teils erhebliche Mengen CO2 und Methan umsetzen“, sagte Hüttl. Wie groß deren Einfluss auf das Klima ist, sei noch unbekannt. Ebenso wenig gibt es präzise Angaben, wie viel Treibhausgase im Zuge der Erderwärmung aus den Permafrostböden entweichen werden. Auch die Rolle des Erdmagnetfelds sei bisher kaum verstanden. Wenn das Feld an Stärke verliert, kann mehr kosmische Strahlung in die Atmosphäre eindringen und dort zu vermehrter Wolkenbildung führen.

Solche Einflüsse sind bisher aber kaum in Klimamodellen enthalten und erhöhen die Ungenauigkeit der Berechnungen. In mehreren Konferenzbeiträgen wurde deutlich, dass selbst etablierte Modelle, wie die des Weltklimarates IPCC, in bestimmten Fällen zu falschen Ergebnissen kommen.

Dieter Uhl von der SGN zum Beispiel hatte sich zwei Perioden eines echten Treibhausklimas in den letzten 50 Millionen Jahren genauer angeschaut. Dass es damals deutlich wärmer war als heute, können Geoforscher unter anderem an dem Verhältnis von bestimmten Sauerstoffisotopen in den Sedimenten ablesen. Die Angaben der chemischen „Paläothermometer“ werden auch durch Fossilien – von Blättern mit charakteristischen Formen bis hin zum Auftreten wärmeliebender Krokodile – bestätigt, sagte Uhl.

Als er und seine Kollegen mithilfe etablierter Klimamodelle das urzeitliche Treibhausgeschehen nachvollziehen wollten, stutzten sie: „Je südlicher man kommt, desto deutlicher überschätzen die Modelle die Temperatur, sie sind zu warm“, berichtete Uhl. „Nach Norden hingegen waren die Modelle zu kalt.“

Erst vergangene Woche hatten niederländische Forscher mit dem Fund von 53 Millionen Jahre alten Palmensamen in Ablagerungen des heutigen Arktischen Ozeans Aufsehen erregt. Auf den angrenzenden Festländern müssen selbst im Winter mehr als acht Grad Celsius geherrscht haben. Nach Uhls Angaben kommen die Klimamodelle aber nicht auf so hohe Temperaturen für die Polargebiete, selbst wenn man den CO2-Gehalt unrealistisch weit in die Höhe schraubte. „Wir müssen davon ausgehen, dass es gerade in hohen Breiten künftig noch wärmer wird, als gängige Projektionen vermuten lassen“, sagte er.

Das heißt, dass die Meereisfläche um den Nordpol künftig noch weiter schrumpfen wird. In den vergangenen 20 Jahren hatte sich die Fläche des Sommereises bereits um bis zu 40 Prozent auf 4,1 Millionen Quadratkilometer im Jahr 2007 verringert. Die Eisschmelze treibt sich zudem auch selbst immer weiter an: Während die hellen Flächen die Sonnenstrahlung großteils reflektieren, nimmt das dunkle Meerwasser viel Strahlung auf, erwärmt sich und taut so die benachbarte Eisdecke von unten weg.

Die Wärme von unten und von oben lässt die verbleibende Eisschicht immer dünner werden – und zwar gravierender, als bisher gedacht. Den IPCC-Modellen zufolge sollten Anfang der 2000er-Jahre noch rund sechs Meter Dicke vorhanden sein. Gemessen wurden aber nur noch vier, berichtete Annette Rinke vom AWI.

Für den globalen Maßstab seien die Klimamodelle gut, aber ihre regionale Auflösung müsse dringend verbessert werden, um in den jeweiligen Gebieten gezielte Vorsorgemaßnahmen zu ergreifen, mahnen Hüttl, Lochte und Mosbrugger. Das beginne etwa bei der Frage der Deichbauer an der Nordsee: Wie hoch sollen sie die Wälle gegen die Meeresfluten planen, damit sie auch in 100 Jahren noch die Menschen schützen? Für Landwirte wiederum ist es wichtig, wie sich Temperatur und Niederschlag in ihrem Anbaugebiet verändern werden. So können sie die Pflanzenarten auswählen, die mit den neuen Bedingungen am besten zurecht kommen.

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