Klimawandel : Wasser hinterm Deich

Forscher fordert Umdenken beim Küstenschutz: Statt Deiche immer höher zu bauen, soll das Hinterland gezielt geflutet werden.

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Im Zuge des Klimawandels wird der Meeresspiegel weiter steigen, gerade für die Nordsee rechnen Experten zudem mit gewaltigen Sturmfluten. Bisher trotzt man den Wassermassen indem an der Küste die Deiche regelmäßig erhöht werden. Der Biologe Karsten Reise vom Alfred- Wegener-Institut hingegen wirbt für eine gravierend andere Herangehensweise: ein kontrolliertes Fluten bestimmter Küstengebiete.

Auf der heute beginnenden Wattenmeerkonferenz auf Sylt will er seine Idee weiter bekannt machen. Die Küstenbewohner müssten sich künftig mehr mit dem Meer arrangieren, anstatt sich in einen „Stellungskrieg“ mit dem Wasser zu begeben, „dem wir letztlich doch irgendwann unterliegen würden“, sagt Reise.

Er möchte das Wasser an der Küste künftig nicht mehr durch höhere Deiche stoppen, sondern eher kontrolliert in die Marsch, also das Land direkt hinterm Deich, hinein- und bei Ebbe über Siele wieder ins Watt abfließen lassen. In Deichnähe zu wohnen ist dann laut Reise überwiegend auf Schwimmhäusern sinnvoll, wie man es bereits in den Niederlanden beobachten könne. Von dort kamen zuletzt auch Überlegungen, als Schutz vor der Küste künstliche Inseln zu schaffen. Reise: „Technisch ist inzwischen alles möglich.“

Johannes Oelerich, Chef beim Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz in Husum, bezeichnet Reises Gedanken, den Fokus vom Deichbau zu lassen, als eine Binsenweisheit: „Das Wasser ins Land zu lassen, ist ein Trugschluss, denn der Meeresspiegel wird dadurch nicht sinken.“ Es sei Konsens, zur Landnutzung weiterhin mit Pumpen die Marsch zu entwässern, auch wenn dies immer schwieriger werde.

Dietmar Wienholdt, Leiter der Abteilung Wasserwirtschaft, Meeres- und Küstenschutz im Kieler Umweltministerium, gibt zu, dass man tatsächlich über eine andere Nutzung der Landflächen hinter dem Deich nachdenken müsse. Ansonsten würden Reises Überlegungen aber nicht helfen. Man setze weiter auf den Deichschutz. Bei Erhöhungen werde seit geraumer Zeit auch Wert darauf gelegt, die Böschung auf der dem Meer zugewandten Seite flacher zu gestalten, um die Wellenkraft abzuschwächen.

Reise hat aber noch eine weitere Vorschläge. So regt er an, einen Offshore-Hafen auf hoher See einzurichten. Das würde die regelmäßigen Flussvertiefungen, die erhebliche Auswirkungen auf die Umwelt haben, erübrigen. Von dem Offshore-Hafen sollen die Güter dann mit kleineren Schiffen zu den Nordseehäfen gebracht werden. Angesprochen auf konkrete Kostenkalkulationen gesteht Reise, dass er kein Ökonom sei. In Sachen Küstenschutz hatte Schleswig-Holstein seine Investitionsmittel zuletzt erhöht. Oelerich: „Wir handeln ökonomisch und ökologisch verträglich.“ Dieter Hanisch

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