Klimawandel : Wüste Landschaft rund ums Mittelmeer

Zwergsträucher statt Laubwälder: Der Klimawandel könnte die Länder ums Mittelmeer besonders hart treffen.

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Dürre Aussicht. Ein französischer Weinbauer mit seinen frisch gepflanzten Weinstöcken im September 2016. Künftig werden noch längere und stärkere Trockenperioden erwartet.
Dürre Aussicht. Ein französischer Weinbauer mit seinen frisch gepflanzten Weinstöcken im September 2016. Künftig werden noch...Foto: dpa

Erreicht die Erderwärmung ein Plus von mehr als 1,5 Grad Celsius, hätte das extreme Folgen für die Ökosysteme im Mittelmeerraum. Die Natur würde sich innerhalb der nächsten 100 Jahre so sehr verändern wie in den vergangenen 10 000 Jahren nicht. So lautet das Fazit einer Studie von Joel Guiot und Wolfgang Cramer vom französischen Forschungszentrum CNRS und der Aix-Marseille Université in Aix-en-Provence.

Geht der Klimawandel ungebremst weiter, dürfte dieses „Business as usual“ den Süden Portugals und die angrenzenden Regionen Spaniens in eine Wüste verwandeln, schreiben sie im Fachmagazin „Science“. Das Gleiche steht auch Teilen Siziliens, Kretas, Zyperns und Nordafrikas bevor, zeigen die Modellrechnungen der Forscher. Damit bestätigen sie bisherige Studien, die alle einen Rückgang der bereits heute geringen Niederschläge im Mittelmeerraum signalisierten. Nur stellen die Autoren diese Rechnungen auf eine solide Grundlage.

Pollen zeigen an, welche Pflanzen früher in der Region wuchsen

Die Basis sind Pollenanalysen aus einigen Regionen zwischen Südfrankreich und Marokko sowie Portugal und der Türkei. Diese Pollen verraten den Wissenschaftlern, welche Pflanzen in der jeweiligen Gegend in einer bestimmten Zeit wuchsen. So lässt sich rekonstruieren, wann in den vergangenen 10 000 Jahren ein Laubmischwald in der Region gewachsen ist, ob dort vielleicht auch einmal Zwergbüsche einer Macchia-Landschaft oder sogar eine Wüstensteppe das Bild prägten. Mit einem Computermodell, das die Vegetation mit dem Klima verknüpft, haben die Wissenschaftler dann für jede der untersuchten Regionen wichtige Daten wie Temperaturen und Niederschläge berechnet.

Wie überall auf der Welt änderte sich auch in den Gefilden ums Mittelmeer während der vergangenen 10 000 Jahre das Klima beständig – im Großen und Ganzen blieb es aber innerhalb einer gewissen Bandbreite. Mehr als 15 Prozent der Vegetationssysteme in der Region veränderten sich nicht, in den letzten 4200 Jahren sanken diese Schwankungen sogar unter die Zehn-Prozent-Marke, berichten die Autoren.

Die Erwärmung schreitet im Mittelmeerraum besonders schnell voran

Bemerkenswert ist, dass die aktuelle Erderwärmung den Mittelmeerraum jedoch besonders stark trifft. Stiegen weltweit die Durchschnittstemperaturen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts um 0,85 Grad Celsius, waren es im Mediterranen 1,3 Grad. Auch in Zukunft dürfte die Region von steigenden Temperaturen und abnehmenden Niederschlägen besonders stark betroffen sein, zeigen etliche Klimamodelle.

Um die Entwicklung der Landschaft abschätzen zu können, haben Cramer und Guiot das verknüpfte Modell für Klima und Vegetation bis zum Ende des 21. Jahrhunderts laufen lassen. Da niemand weiß, wie sich die Kohlendioxidemissionen entwickeln, rechneten die Forscher vier Varianten: „Business as usual“ ohne größere Maßnahmen zum Klimaschutz, ein deutlich verringerter Ausstoß von Kohlendioxid, ein tatkräftiges Gegensteuern, das den Anstieg der durchschnittlichen Temperaturen auf der Erde auf rund zwei Grad begrenzt, sowie einen besonders ambitionierten Klimaschutz, der den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad begrenzt – wie es das Klimaabkommen von Paris vorschlägt.

450 Millionen Menschen wären von ökologischen Umwälzungen betroffen

Nur das letzte Szenario mit sehr engagierten Maßnahmen kann nach diesen Ergebnissen die Veränderungen der Natur im Mittelmeerraum innerhalb der Schwankungsbreite der vergangenen 10 000 Jahre halten. Bereits ein Limit von zwei Grad verändert die Natur weitaus stärker. Wird noch weniger gegen den Klimawandel getan, sind die Folgen umso gravierender. „In vielen Regionen werden die Laubwälder dann durch Zwergsträucher verdrängt, während in etlichen Gebieten Südeuropas und Nordafrikas sich anstelle der bisherigen Macchia Wüsten ausbreiten würden“, fasst Cramer die Ergebnisse zusammen. 450 Millionen Menschen im Mittelmeerraum wären dann von ökologischen Umwälzungen betroffen, die erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen haben können.

Eine Einschränkung machen die Autoren jedoch: Direkte Einflüsse des Menschen haben sie in ihren Berechnungen noch nicht berücksichtigt. Dazu zählt zum Beispiel das Ausweiten der Landwirtschaft oder zunehmender Tourismus. Beides führt unter anderem dazu, dass der Wasserverbrauch stark zunimmt. Dabei ist Wasser ohnehin in vielen Gebieten Mangelware. „Oft beschleunigen solche Entwicklungen die Veränderungen durch den Klimawandel zusätzlich“, sagt Cramer.

Grobes Modell berücksichtigt die Inseln nicht

Von Forscherkollegen wird die Studie grundsätzlich positiv aufgenommen, weil sie erstmals flächendeckend die Auswirkungen auf Ökosysteme in dem Gebiet darstellt. Doch es gibt auch Kritik. So seien die Klimaszenarien mit sehr groben Modellen gerechnet worden, moniert Martin Claußen vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. „Die Mittelmeerinseln, auch die großen wie Korsika, Sardinien, Kreta, Zypern, kommen schlicht nicht vor.“ Die gezeigten Karten in dem Fachartikel spiegelten eine räumliche Feinheit wider, die die Ausgangsdaten, also die Modellsimulationen, nicht liefern können, sagt Claußen.

Zudem beschreibe das Vegetationsmodell einen Gleichgewichtszustand zwischen Klima und Bewuchs. Ein solches Gleichgewicht sei bei dem gegenwärtigen Klimawandel im Mittelmeerraum nicht zu erwarten. „Letztlich bedeutet dies, dass die beschriebenen Änderungen eher eine Obergrenze dessen darstellen, was man erwarten könnte“, sagt der Wissenschaftler.

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