"Klimawippe" im Atlantik : Kühler Atlantik bringt trockene Sommer in Großbritannien

Das Wasser im Nordatlantik kühlt sich ab. Das könnte mit einer Klimaschwankung zusammenhängen, die alle paar Jahrzehnte auftritt. Offenbar ist es nun wieder soweit.

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Sonnige Aussichten. Die aktuellen Änderungen der „Nordatlantischen Oszillation“ dürften in Großbritannien zu trockenen Sommern führen.
Sonnige Aussichten. Die aktuellen Änderungen der „Nordatlantischen Oszillation“ dürften in Großbritannien zu trockenen Sommern...Foto: Reuters

Weil Ozeanströmungen schwächer geworden sind, kühlt sich der Nordatlantik möglicherweise um ein halbes Grad Celsius ab. Darauf deuten Messdaten und Simulationen hin, berichten Forscher von der Universität von Southampton im Fachblatt „Nature“. Die Abkühlung würde die Witterung rings um den Nordatlantik beeinflussen – teils positiv, teils negativ. Laut Gerard McCarthy und Kollegen könnte es in der Sahelzone, die in jüngster Zeit ergrünte, wieder häufiger Dürren geben, auch in Großbritannien könnten die Sommer trockener werden. Außerdem würde die Klimaänderung dazu führen, dass weniger Hurrikans die USA treffen. Rings um den Nordatlantik würde die Wirkung der Erderwärmung gedämpft, dort dürften die Temperaturen langsamer steigen als anderswo.

Die Vorhersage beruht auf einer umstrittenen Klimaschwankung namens „Atlantische Multidekadische Oszillation“ (AMO). Sie ist der langfristigen globalen Erwärmung überlagert. Man muss sich die AMO wie eine Temperaturwippe zwischen Nord- und Südatlantik vorstellen, die etwa alle dreißig Jahre kippt. In den 1940er Jahren war es im Nordatlantik wärmer als sonst. Dann kam der Umschwung, und in den 1970er Jahren dominierten kühle Bedingungen. Dann bewegte sich die Wippe erneut. In den 2000er Jahren war es wieder warm. Im Südatlantik verhielt es sich jeweils umgekehrt.

Westwind ändert die Strömungen im Ozean

Schon lange diskutieren Forscher darüber, welche Vorgänge der Atlantikwippe zugrunde liegen. Als mögliche Ursache wurde zum Beispiel der veränderliche Staubgehalt der Atmosphäre vermutet. Das Team um McCarthy hat nun aber starke Belege für eine andere These vorgelegt. Demnach wirken Schwankungen des Westwinds über dem Nordatlantik so auf den Ozean ein, dass sich die Strömungen ändern. Nicht nur kurzzeitig, sondern über Jahre hinaus.

Wichtig sind dabei vor allem zwei Ozeanwirbel östlich von Kanada sowie östlich von Florida. Transportieren die mit den Wirbeln verbundenen Strömungen weniger Wärme in den Nordatlantik, wird es dort kälter; bringen sie mehr Wärme mit, steigt die Temperatur.

Heute werden die Strömungen im Atlantik ständig mit Instrumenten gemessen, doch das war früher nicht so. Um der Atlantikoszillation auf die Schliche zu kommen, mussten die Forscher die Strömungsverhältnisse der Vergangenheit rekonstruieren. Dazu haben sie Pegelmessungen an der US-Küste in den letzten 100 Jahren ausgewertet, denn die erlauben Rückschlüsse auf die Ozeanzirkulation. Aus den Daten berechneten sie einen „Index“, der die Tendenz der Strömungen charakterisiert. Es stellte sich heraus, dass der Meeresspiegel-Index die Veränderungen der Atlantikoszillation zwei Jahre im Voraus ankündigt. Mit den Daten der Ozeanpegel lässt sich die Oszillation demnach vorhersagen.

Die Atlantikoszillation ist launenhaft und unregelmäßig

In den letzten Jahren beschleunigte sich der Anstieg des Meeresspiegels an der US-Küste. Das deutet laut den Autoren darauf hin, dass die Strömungen im Atlantik erlahmen und die Oszillation in eine kühlere Phase übergeht. Das ist nicht bloß Spekulation. Wie aktuelle Messungen zeigen, haben sich die Strömungen im Nordatlantik tatsächlich leicht abgeschwächt. Auch die Temperaturen im Nordatlantik sind in den letzten Jahren um ein paar Zehntelgrad gesunken. Wie stark die Abkühlung noch werden könnte, wissen die Forscher nicht. Dafür ist die Atlantikoszillation zu launenhaft, zu unregelmäßig. Wie lange die kühle Phase dauern wird, können die Fachleute auch noch nicht genau sagen. Sie vermuten, dass die Veränderung Jahrzehnte anhalten wird.

Zwei Forscher, die nicht an der Studie beteiligt waren, haben sie in „Nature“ wohlwollend kommentiert. Die Arbeit biete neue Hinweise, dass der Atlantische Ozean die Hauptrolle bei Klimaschwankungen über Jahrzehnte spiele, schreiben Sergey Gulev von der Russischen Akademie der Wissenschaften und Mojib Latif vom Helmholtz-Institut „Geomar“ in Kiel. Sie fordern, dass die Messungen im Nordatlantik, zum Beispiel mit Satelliten und Bojen, weitergeführt werden, um zusätzliche Indizien zu sammeln. Der Nutzen könnte auch darüber hinausgehen. Kombiniert man die Messdaten mit Computermodellen, ließen sich möglicherweise Klimaschwankungen über mehrere Jahrzehnte vorhersagen. Das würde der Gesellschaft in vielen Ländern enorm nutzen, schreiben Gulev und Latif. Für die regenabhängige Sahelzone gilt das gewiss.

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