Knochenfund : Annäherung an Paulus

Der Papst zeigt sich "zutiefst berührt", die ihm nahestehende Presse bejubelt eine "archäologische Weltsensation": Römischer Sarkophag soll Knochen des Missionars der Urchristen enthalten.

Michael Zick
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Benedikt XVI. 2007 vor dem Sarkophag in der Basilika des Heiligen Paulus. Foto: dpa

Der Papst zeigt sich „zutiefst berührt“, die ihm nahestehende Presse bejubelt eine „archäologische Weltsensation“. Pünktlich zum Ende des vom Vatikan ausgerufenen „Paulusjahres“ verkündete Benedikt XVI. am Sonntagabend in der Basilika San Paolo fuori le Mura (Sankt Paul vor den Mauern), man habe in einem Sarkophag unter dem Hauptaltar die Gebeine des Apostels Paulus gefunden.

Die Vatikan-Archäologen, so berichtete der Papst in seiner Messe, hätten „ein winziges Loch in den Sarkophag gebohrt und eine Spezialsonde eingeführt“. Die habe Spuren von kostbarem purpurfarbenem Leinenstoff mit Goldauflagen, blauem Gewebe mit Leinenfäden, rotem Weihrauch sowie kalk- und eiweißhaltigen Substanzen ausmachen können. Insbesondere aber förderte die Sonde winzige Knochenreste zutage, die „von Experten, die die Knochenherkunft nicht kannten“, mit der C14-Methode ins erste oder zweite Jahrhundert nach Christus datiert wurden. Das Fazit des Papstes: „Das scheint die einmütige und unwidersprochene Tradition zu bestätigen, dass es sich um die sterblichen Überreste des Apostels Paulus handelt.“ Nähere Details über Methode und Ergebnisse der Sargschau wurden bislang nicht mitgeteilt.

Seit rund sieben Jahren suchen Vatikan-Archäologen mit Stichproben in der Basilika Sankt Paul nach den Gebeinen des großen Missionars des frühen Christentums. 2005 wurden sie ihrer Meinung nach fündig: Einen Meter unter dem Altar stießen sie auf einen grob gearbeiteten römischen Steinsarg, über dem eine Marmorplatte „Paulo Apostolo Mart“ verkündete – dem Apostel und Märtyrer Paulus gewidmet. Diese und eine zweite Platte sollen nach Auffassung der beteiligten Archäologen die Seitenverkleidungen des Sarkophags gewesen sein. Der Sarg wurde seinerzeit nicht näher untersucht, geschweige denn geöffnet.

Eine veritable Ausgrabung der Grablege wird auch jetzt nur vage in Erwägung gezogen. Ein Gitterfenster unter dem Altar gibt einen Blick auf die Frontseite des Sarkophags aus hellrosa Marmor frei. 390 n. Chr. wurde die San-Paolo-Basilika geweiht. Nach den schriftlichen Quellen steht sie genau über dem Grab des Heiligen Paulus, der nach seinem vermuteten Märtyrertod an der Via Ostiense beerdigt worden sein soll. Die Vatikan-Archäologen gehen davon aus, dass die Gebeine aus dem Grab in den Sarkophag verlegt wurden.

Überhaupt ist jenseits der kirchlichen Nachrichten wenig Konkretes über die schillernde Figur des Paulus bekannt. Einiges lässt sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit nachzeichnen: Saulus-Paulus stammte aus Tarsus, der weltoffenen Hafenstadt an der südöstlichen Mittelmeerküste Kleinasiens. Er war griechisch sprechender Jude in der hellenistisch geprägten Diaspora und tat sich vor seiner Erleuchtung als eifernder Christenverfolger hervor. Das zumindest geht aus den Paulus-Briefen hervor, die im Neuen Testament überliefert sind und die zum Großteil von der Wissenschaft als authentisch angesehen werden. Paulus’ Lehr- und Mahnbriefe an verschiedene frühchristliche Gemeinden gehören zum Grundbestandteil des Neuen Testaments. Dessen „Apostelgeschichte“ beschäftigt sich gut zur Hälfte mit Paulus. Aber nach Überzeugung von Bibelforschern ist er Jesus nie begegnet.

Der heute geläufige Ehrentitel „Apostel“ war im 1. Jahrhundert umstritten. In der Apostelgeschichte wird er Paulus fast durchgängig verweigert. Nach urchristlicher Auffassung konnten nur die Jünger Jesu diese Berufsbezeichnung für sich in Anspruch nehmen. Die Spuren der Jünger indes verlieren sich sehr schnell, außer denen von Petrus. Paulus selber verteidigte seinen Status: „Ich habe mehr gearbeitet als sie alle, ich bin öfter gefangen gewesen, ich habe mehr Schläge erlitten, ich bin oft in Todesnöten gewesen. Von den Juden habe ich fünfmal erhalten 40 Geißelhiebe weniger einen, ich bin dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden, dreimal habe ich Schiffbruch erlitten.“

Paulus reiste drei Jahrzehnte ruhelos durch Kleinasien, Griechenland und Makedonien. Seine Wanderungen sind nur in der Apostelgeschichte des Neuen Testaments beschrieben, außerbiblische Nachrichten existieren nicht. Die genaue Route seiner Missionsreisen lässt sich nicht nachzeichnen. Archäologisch gibt es keinerlei Belege. So viel aber gilt als sicher: In Galatien, Philippi, Thessaloniki, Ephesus und anderen Orten gründete er christliche Gemeinschaften – und wurde so und durch seine zahlreichen Gemeindebriefe zum wirkmächtigsten christlichen Missionar. Paulus hatte es eilig, denn er wollte die Menschen von Damaskus bis nach Spanien missionieren. Wenn am Ende seiner Reise die ganze damalige Welt mit der Botschaft Jesus Christi versorgt sei, schrieb Paulus, wäre auch das Ende der Welt erreicht, und das Reich Gottes komme.

Paulus kam nicht bis Spanien. Nach Streitereien mit der Jerusalemer Urgemeinde wurde er von den römischen Besatzern inhaftiert und nach jahrelanger Haft nach Rom überstellt. Dort erlitt Paulus – wie auch Petrus – vermutlich bei der ersten römischen Christenverfolgung den Märtyrertod. Im Jahr 64 nämlich brannte Rom, dem Gerücht (und den Schulbüchern) zufolge hatte Nero – obwohl verreist – die Stadt in Brand gesteckt. Er brauchte einen Sündenbock und ließ die offenbar schon zahlreichen Anhänger des „neuen Aberglaubens“ stellvertretend büßen. Wie Paulus zu Tode kam, ob er verbrannt, ans Kreuz genagelt oder enthauptet wurde, weiß niemand. Dass die Knochen, die jetzt in Rom gefunden wurden, darüber Aufschluss geben, ist ebenso wenig wahrscheinlich wie Auskünfte über den Menschen Paulus.

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