Königs Nabonid : Der letzte Herrscher Babylons

Deutsche Archäologen auf den Spuren des rätselhaften Königs Nabonid.

Michael Zick

Nabonid gäbe ein Drehbuch für einen Krimi her. Der letzte König von Babylon regierte 16 Jahre – zehn davon verbrachte er in der Wüste. Historiker bezeichnen ihn als eine der interessantesten Gestalten auf dem babylonischen Thron – aber keiner kann seinen Weg beschreiben. Er überwarf sich wohl mit den Priestern des Staatsgottes Marduk – trieben die ihn ins Exil? Die Perser übernahmen Nabonids Reich kampflos, aber es ist nicht einmal Genaueres über sein Ende bekannt.

Ausgräber von der Orientabteilung des Deutschen Archäologischen Instituts versuchen nun mit der ersten deutschen Grabung in Saudi Arabien, dem Herrscher der letzten altorientalischen Großmacht in der Wüste näher zu kommen.

Nabonid (555 bis 539 v.Chr.) zog im dritten oder vierten Regierungsjahr „mit den Streitkäften des Landes“ zur Oase Tayma, dort „erschlug er den König von Tayma mit der Waffe, schlachtete hin die Herden der Einwohner. ... Er selbst aber schlug in Tayma seine Wohnung auf. ... Eine Stadt brachte er herrlich hervor, baute einen Palast, wie den Palast von Babylon“ – so die einzigen babylonischen Nachrichten. Die Geschäfte in der Hauptstadt des Großreiches führte derweil Nabonids Sohn Belsazar.

„Wir wissen nicht, mit wie vielen Leuten Nabonid loszog,“ sagt Ricardo Eichmann, Chef der Orientabteilung in Berlin, „aber das war sicher ein sehr robuster Einsatz einer schlagkräftigen Truppe“, mit dem denn auch eine ganze Reihe von Oasen in Nordwestarabien erobert wurde, Tayma war die größte und wichtigste. Für Eichmann war der Nabonid-Exodus keine Flucht ins Exil, sondern eine „zielgerichtete militärische Unternehmung“.

Wenn man nämlich, so Arnulf Hausleiter, der Ausgrabungsleiter vor Ort, „die eroberten Stätten in eine Landkarte überträgt, zeigt sich, dass Nabonid mit seinem Feldzug den Fernhandelsweg aus Südarabien in die Levante komplett gekappt hat“. Über diese Strecke kam der damals unerlässliche Weihrauch, und Tayma war die „Karawanenweiche“, an der sich entschied, ob die Duftharze nach Ägypten oder in die Levante und weiter über Mesopotamien nach Anatolien und in den Westen gelangten. Zudem war die Oase eine Station der Seidenstraße nach/von Fernost – insgesamt eine Kamel-Tankstelle von unschätzbarem Wert.

Hausleiter, ebenfalls Archäologe in der DAI-Orientabteilung, hat zwar noch keinen Beweis für Nabonids Aufenthalt in der Wüste – „den Palast haben wir auch im letzten Jahr nicht gefunden“ –, aber es gibt außerhalb und innerhalb der Siedlung Inschriften, „die sich auf den babylonischen König beziehen.“ Verwaltungsgebäude oder Kasernen sind bislang nicht aufgetaucht. Und so rätselhaft wie der babylonische Herrscher ist bislang auch die arabische Oase. Die deutschen Archäologen haben mit ihren saudi-arabischen Kollegen eine 15 Kilometer lange Stadtmauer streckenweise freigelegt, die heute noch zehn Meter hoch erhalten, aber bis zur Mauerkrone vom Wüstensand zugeweht ist. Das Wehrwerk wurde in seiner ersten Version um 1900 v.Chr. aus Lehmziegeln erbaut, also fast 1500 Jahre vor Nabonid. Gegen wen mussten die Einwohner sich verteidigen? Was galt es zu schützen?

Hinter der Mauer entdeckte das Grabungsteam mit sieben mal zehn Metern relativ kleine Häuser, die es jedoch in sich hatten: Hier wohnten um 1000 v.Chr. Menschen, die Rang und Reichtum hatten. Denn geschnitzte Elfenbeinobjekte, Fayencefigürchen aus Ägypten und Holzintarsien aus Syrien konnte sich hier sicher nur eine Elite leisten.

In 150 Meter Abstand zur Außenbefestigung fanden die Archäologen einen zweiten Mauerring. Der stammt aus der Nabonid-Zeit des 6. oder 5. Jahrhunderts v.Chr. und ist aus Steinplatten konstruiert. Davor verstärkte ein Graben das Verteidigungssystem. Aus der ältesten Siedlungsphase kamen Keilschriftfragmente zum Vorschein, die Nabonid nennen. Das findet Hausleiter bemerkenswert: „Im Zentrum der Siedlung benutzt man die Keilschrift, die Schrift der Hofkanzlei. In der Umgebung wird Nabonids Name in arabischer Schrift festgehalten.“

Immer mehr zeigt sich, dass Tayma und die umliegenden Oasen zwar an der Peripherie der damaligen Welt lagen, aber schon um 2000 v.Chr. eingebunden waren in den Welthandel. An dem wollten alle teilhaben: Die beduinischen Nomadenstämme, die gegen die alten Hochkulturen vorrückten, die Südaraber des heutigen Jemen als Lieferanten, die Kaufleute in Ägypten, Assyrien und Babylon, die Gebieter und Götter im Meder-, anatolischen Phryger- und aufstrebenden Perserreich. Mit den Waren wanderten Ideen, so dass der Nordwestzipfel des heutigen Saudi-Arabien für viele Jahrhunderte eine Brückenfunktion zwischen zivilisierter und exotischer Welt innehatte.

Den daraus resultierenden Kulturtransfer ab etwa 2000 v. Chr. kann Eichmann an – einzeln betrachtet unscheinbaren – Indizien nachweisen: Ein assyrischer Gouverneur in Mari rühmt sich des Überfalls auf eine Karawane von Händlern aus Tayma und Saba. Die Bautechnik der ersten Tayma-Mauer mit ihren Lehmziegeln „hat keine lokale Entsprechung. Diese Technik gibt es sonst nur in Ägypten, besonders aber in der Levante.“

Inschriften in Taymas Nachbar-Oase Dedan sind in sabäischer, also südarabischer Schrift abgefasst. Namenslisten belegen, dass Frauen aus der Levante südarabische Händler in Tayma ehelichten. Spezielle Waffen aus Gräbern zeigen die Anwesenheit von Kriegern aus der Nordlevante. Die verschiedenen Welten waren in Bewegung, und die Menschen an der östlichen Mittelmeerküste offenbar besonders wanderfreudig.

Und alle haben Spuren hinterlassen. Nur dieser exzentrische König Nabonid will sich – von den Inschriften abgesehen – bislang nicht „outen“. Mit frischen Geldern der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gestärkt, wollen sich die Berliner Archäologen in diesem Jahr noch einmal auf die Suche begeben. „Da gibt es noch einen markanten Ruinenteil mit massiven Bauresten, da könnte eventuell Nabonids Palast drinstecken,“ resümiert Eichmann vorsichtig, „wenn er denn überhaupt innerhalb des Stadtgebiets liegt.“

Am 9. März um 19 Uhr 30 berichtet das ZDF in der Archäologie-Serie „Schliemanns Erben“ über die Grabungen.

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