Kolumne : Aha: Warum kratzen wir uns?

Jucken kann unerträglich werden. Dann reiben wir uns den Rücken am Türrahmen oder fordern unseren Partner dazu auf, seine Krallen zu zeigen. „Ein bisschen weiter links! Ja, genau da! Aaahh!“

Thomas de Padova

Die Ursachen für Juckreiz sind zahlreich: Ekzeme, Allergien, Insektenstiche. Mediziner haben festgestellt, dass in solchen Fällen spezielle Rezeptoren in der Haut anspringen. Nach einem Mückenstich etwa reagieren Nervenenden auf das von unserem Körper freigesetzte Histamin. Von diesem Botenstoff aktiviert, senden die Nervenfasern Signale zum Rückenmark.

Die Antwort folgt reflexartig. Wir verspüren den unwiderstehlichen Drang, uns an der entsprechenden Stelle zu kratzen. Das hilft zunächst, denn schmerzhaftes Kratzen unterdrückt den Juckreiz.

„Auf der Ebene des Rückenmarks sind Schmerz und Juckreiz Antagonisten“, sagt Martin Schmelz, Neurophysiologe und Schmerzforscher an der Uni Heidelberg. „Schmerz hemmt nicht nur den Juckreiz, es funktioniert auch andersherum: Wird die Schmerzverarbeitung etwa bei einer Teil-Rückenmarksnarkose unterdrückt, bekommen die Patienten einen gürtelförmigen Juckreiz.“ Das Kratzen kann geradezu rauschhaft werden. „Es ist, als bekämen wir eine Belohnung dafür, etwas zu tun, was eigentlich unangenehm oder sogar schädlich ist.“ Denn wer lange und heftig kratzt, macht die Entzündung noch schlimmer. Warum fordert uns der eigene Körper zu einer Maßnahme auf, die allenfalls kurzfristige Linderung verspricht?

Obschon wir heute beim Jucken eher an Allergien als an Flöhe oder Krätzmilben denken, hat sich der Kratzreflex im Lauf der Evolution vermutlich durchgesetzt, weil Kratzen die Chance erhöht, Parasiten von der Haut zu entfernen.

Daneben handelt es sich wohl auch um einen Kontrollmechanismus, der Phantomempfindungen stoppt. In Versuchen haben Forscher die Haut mit einzelnen Nadeln der Juckbohne gereizt. Diese sind so fein, dass sie nur ein winziges Hautareal erregen – dennoch setzt der Kratzreflex ein. Missempfindungen der Haut seien häufig, sagt Schmelz.

Womöglich wird deshalb die Alarmschwelle immer wieder neu festgelegt. „Mit dem Kratzen gibt sich das Nervensystem eine Art Reset.“ Wenn sich unser Signalsystem nicht sicher ist, ob wirklich ein Reiz vorliegt, wird mit dem Kratzen überprüft, ob die Sensoren in der Haut in Ordnung sind. Thomas de Padova

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