Kolumne : AhA: Warum sind Geier kahlköpfig?

Thomas de Padova

„Zwei bis drei Schnabelhiebe der starkschnäbeligen Geier zerreißen die Lederhaut des Aases, einige mehr die Muskellagen, während die leichter bewaffneten Arten ihren langen Hals, so weit sie können, in die Höhlen einschieben, um zu den Eingeweiden zu gelangen“, heißt es in Alfred Brehms Tierleben. Mit „gieriger Hast“ wühlten die Vögel zwischen den Därmen umher. Womit klar wäre: Der Name „Geier“ kommt von „Gier“.

„Die meisten Geier sind kahlköpfig“, sagt der Zoologe und Greifvogelforscher Michael Stubbe, Emeritus der Universität Halle. „Auch ihr Hals ist teilweise kahl.“ So etwa bei den riesigen Mönchs- und Ohrengeiern, die beide Spannweiten von bis zu drei Metern haben. Mit kräftigen, gebogenen Schnäbeln reißen sie das Fleisch von den Knochen. „Sie gehen mit ihrem Kopf weit ins Aas hinein.“ Bei einem solchen Leichenschmaus wäre ein Federkleid nur hinderlich, sagt Stubbe: „Es würde verkleben.“

Kahlköpfige Geier leben gesünder. Haben sie genug gefressen und ihre Verdauung abgewartet, lassen sie gern ein Bad folgen. „Sie trinken viel und baden sich sehr oft“, schreibt Brehm in seinem berühmten Buch. „Freilich ist letzteres kaum einem Vogel nötiger als ihnen; denn wenn sie von ihrem Tisch aufstehen, starren sie von Schmutz und Unrat; zumal die langhälsigen sind oft über und über blutig.“

Unter den am Kadaver versammelten Arten finden sich auch kleinere wie der Schmutzgeier. Sein Hals ist nicht kahl, denn er pickt nur die letzten Brocken von den bereits freigelegten Knochen. Alternativ dazu frisst er auch Eier. Um sie zu öffnen, benutzt er Steine als Werkzeuge und zielt damit auf die Eier. Gier macht erfinderisch. „Auch der Bartgeier ist nicht kahlköpfig“, sagt Stubbe. Der Hochgebirgsvogel lebt von Knochen. Er lässt sie aus der Höhe auf den Fels fallen und löffelt dann mit der Zunge das Mark heraus.

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