Kolumne: Dr. WEWETZER : Mehr gutes Cholesterin

Unser Gesundheitsexperte fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Ein neuer Wirkstoff gegen Herzleiden hilft dabei, das "böse" LDL-Cholesterin im Blut zu senken.

von
Wewetzer
Hartmut Wewetzer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Mehr vom Guten, weniger vom Schlechten – ein empfehlenswerter Grundsatz. Auch, wenn es um die Blutfette geht. Ein neuartiger Wirkstoff hat offenbar das Potenzial, ihn in die Tat umzusetzen. Die Substanz mit Namen Anacetrapib – ein echter Zungenbrecher – erhöht das „gute“ HDL-Cholesterin im Blut und senkt das „böse“ LDL-Cholesterin. Und das in bisher nicht gekanntem Maße, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie ergab.

Anacetrapib hemmt ein Eiweiß, dessen Name sich CETP abkürzt. CETP ist ein Enzym, also eine Art molekulare Maschine. Das Enzym „schaufelt“ Cholesterinteilchen vom „guten“ HDL zum „bösen“ LDL. Legt man ihm das Handwerk, dann bleibt das HDL hoch und das LDL niedrig. Ein erwünschter Effekt, denn hohes LDL und niedriges HDL im Blut erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Leiden. Der bisherige Behandlungsansatz mit Cholesterinsenkern vom Typ der Statine verringert lediglich das „böse“ LDL, hat aber auf das „gute“ HDL keinen Einfluss. Mit Anacetrapib dagegen schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe: LDL runter, HDL rauf.

An der Untersuchung nahmen 1600 Personen teil, die bereits herzkrank waren oder ein hohes Risiko für ein Herzleiden hatten. Zusätzlich zu einem herkömmlichen Statin-Cholesterinsenker bekam die eine Hälfte der Patienten für 18 Monate Anacetrapib, die andere ein wirkstoffloses Scheinmedikament. Nach 24 Wochen stellten die Forscher fest, dass das LDL zusätzlich zur bisherigen Statin-Therapie um weitere 40 Prozent gefallen und das HDL um 138 Prozent gestiegen war. Das ist eine extreme Zunahme.

Die Erhöhung des HDL habe ihn „aus den Socken gehauen“, bekannte Christopher Cannon vom Brigham and Women’s Hospital in Boston, Leiter der Studie. Denn mit cholesterinarmer Diät und viel Bewegung erreiche man allenfalls einen HDL-Anstieg um zehn Prozent.

Anfang 2011 soll eine große Studie mit 30 000 Teilnehmern beginnen und die Frage beantworten, ob und in welchem Maß das von dem Pharmakonzern Merck entwickelte Anacetrapib Herzleiden verhindern kann. Eigentlich kann da nichts mehr schiefgehen. Eigentlich. Denn 2006 war ein anderer CETP-Blocker mit Namen Torcetrapib in eben einer solchen riesigen Zulassungsstudie an 15 000 Patienten kläglich gescheitert. Die Untersuchung musste abgebrochen werden, weil der Wirkstoff die Gefahr von Herzkrankheiten nicht erniedrigte, sondern im Gegenteil erhöhte. Der Hersteller Pfizer begrub mit Torcetrapib rund eine Milliarde Dollar an Entwicklungskosten.

Vermutlich hat vor allem eine leichte Blutdruckerhöhung durch den Wirkstoff dazu geführt, dass der Schaden den Nutzen überwog. Im Gegensatz dazu erhöht der jetzt geprüfte CETP-Blocker den Blutdruck nicht, wie sich bereits jetzt herausstellte. Es besteht also berechtigte Hoffnung, dass Anacetrapib tatsächlich hält, was es verspricht. Ergebnisse werden zwar nicht vor 2014 erwartet. Umso revolutionärer für die Behandlung erhöhter Blutfette könnten sie ausfallen.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegels. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht? Bitte an: sonntag@tagesspiegel.de

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