Kolumne "Was Wissen schafft" : Erst erforschen, dann vernichten

Vor 37 Jahren erkrankte der letzte Mensch an Pocken, fast ebenso lange währt der Streit, wann die letzten Pocken in den Laboren vernichtet werden sollen. Nächste Woche berät die Weltgesundheitsversammlung erneut darüber. Doch zuvor müssen sich die Verantwortlichen sicher sein, dass wir für den Notfall gewappnet sind, findet unsere Autorin.

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Vergangene Zeiten. Pockenausbrüche waren auch in Deutschland keine Seltenheit. Foto: dpa / picture alliance
Vergangene Zeiten. Pockenausbrüche waren auch in Deutschland keine Seltenheit.Foto: dpa / picture alliance

Der letzte Patient war ein Mitarbeiter eines somalischen Krankenhauses, im Oktober 1977. Wer Kontakt zu ihm hatte, wurde erneut geimpft und unter Quarantäne gestellt. Keiner der mehr als 200 Menschen wurde krank. Die Weltgesundheitsorganisation WHO wartete noch zweieinhalb Jahre, dann war sie sich sicher: Die Welt ist pockenfrei. Durch konsequentes Impfen war es erstmals gelungen, eine gefürchtete Seuche auszurotten.

Es war ein riesiger Erfolg, die Pocken hatten die Menschheit über Jahrtausende begleitet. Allein im 20. Jahrhundert sollen sie etwa 300 Millionen Männer, Frauen und Kinder umgebracht haben. Weil sich die randvoll mit Viren gefüllten Pusteln auch im Mund und Rachen bildeten, reichte ein Husten, Niesen oder schlichtes Ausatmen, um den nächsten Menschen anzustecken. Wer überlebte, war lebenslang durch Pockennarben gezeichnet.

Nie wieder soll dieses Virus die Chance bekommen, Leid zu verursachen. Deshalb dürfen nur zwei streng abgeschirmte Labore – eines bei den Zentren für Seuchenkontrolle (CDC) in Atlanta und eines am Staatlichen Institut für Virologie und Biotechnologie in Koltsovo, Bezirk Nowosibirsk – weiterhin die Pocken erforschen.

Der Streit um die Viren dauert bereits Jahrzehnte

Auch die in Russland und den USA gelagerten Viren sollen so bald wie möglich vernichtet werden. Schließlich könnten die Pocken irgendwann durch einen Unfall oder einen Anschlag aus dem Labor entweichen, einige Proben könnten gestohlen werden. Die Viren würden dann auf etliche ungeimpfte Generationen treffen, die ihnen schutzlos ausgeliefert sind.

Warum also zögern? Ist nicht völlig klar, was die Weltgesundheitsversammlung (WHA) entscheiden sollte, wenn sie in der nächsten Woche darüber berät, ob jetzt – 37 Jahre nach dem letzten Fall – die Zeit gekommen ist, die letzten Pockenstämme zu zerstören? Doch ganz so einfach ist es nicht. Seit Jahrzehnten wird darüber gestritten.

Die Welt würde nicht sicherer, meint zum Beispiel Peter Jahrling von den Nationalen Gesundheitsinstituten der USA. Niemand weiß, ob eine Diktatur wie Nordkorea oder irgendeine Terrorgruppe die Pocken inoffiziell bunkert, als Biowaffe. Bei einem Verbot hätten nur noch jene Zugriff auf das Virus, die sich nicht um Recht und Gesetz scheren.

Angesichts der Fortschritte der synthetischen Biologie sei die Zerstörung der (hoffentlich letzten) Pocken ohnehin nur ein symbolischer Akt. Das 185 000 Basenpaare lange Erbgut des Virus ist längst bekannt. Mithilfe dieser Information können Forscher die Pocken theoretisch im Labor wiederauferstehen lassen – auch wenn das viel schwieriger wäre als bei der Spanischen Grippe von 1918.

Im Kongo kursieren gefährliche Affenpocken

Andere Forscher registrieren besorgt, dass aus dem Tierreich neue Pockenvarianten auf den Menschen überspringen könnten. Im Vergleich mit den humanen Pocken sind zwar Kuhpocken weniger gefährlich. Harmlos sind sie trotzdem nicht. Als sich Weihnachten 2009 in München zwei Frauen bei einer „Schmuseratte“ ansteckten, bekam die – nicht mehr gegen Pocken geimpfte – Tochter sehr hohes Fieber und einen heftigen Ausschlag, die Mutter dagegen hatte nur milde Symptome. Funktioniert das Immunsystem nicht richtig, zum Beispiel durch Medikamente gegen Krebs, gegen entzündlich-rheumatische Krankheiten oder nach einer Transplantation, kann die Infektion tödlich enden.

Noch deutlicher wird die Gefahr im Falle der Affenpocken. Im Kongo stecken sich damit vor allem Kinder und junge Menschen an, vermutlich weil sie mit Nagetieren wie Hörnchen spielen. Jeder Zehnte stirbt. Dieses Virus könnte auf dem besten Wege sein, sich an den Menschen anzupassen, befürchten Forscher.

Am Virus können sie das allerdings nicht erkennen. Wir wissen immer noch nicht, warum die menschlichen Pocken für uns derart gefährlich waren, sagt Inger Damon von den CDC. Zwar kann man heute die Pockenvarianten gut unterscheiden. Es werden Impfstoffe mit weniger Nebenwirkungen und einige Medikamente entwickelt. Aber kein einziges ist zugelassen. Und die Grundlagenforschung wurde vernachlässigt.

Die WHA wird die Zerstörung der Viren deshalb wohl abermals vertagen. Ja, wir wollen die Pocken endgültig loswerden. Aber vorher müssen wir sicher sein, dass wir im Notfall gegen sie gewappnet sind.

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