Kolumne : Wertsachen: Denkmal

Christoph Markschies[Präsident der Humboldt-Universität]

Vor dem Hauptgebäude der Humboldt-Universität stehen diverse Denkmale. Zuerst erinnert man sich natürlich an die Sitzstatuen der beiden Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt. Interessanter freilich für unsere Zusammenhänge sind die Denkmäler im Ehrenhof und auf dem Bebelplatz vor der Universität. Im Ehrenhof stehen heute drei Denkmäler – das des Physikers Hermann von Helmholtz, 1899 aufgestellt, das des Alt historikers Theodor Mommsen, 1909 errichtet, und schließlich das Denkmal des Physikers Max Planck, nach langer Odyssee 2006 an einer schon 1950 vorgesehenen Stelle neben Mommsen aufgestellt.

Die rechte Seite des Ehrenhofes ist leer; hier stand bis 1935 ein Denkmal des Historikers Heinrich von Treitschke, das damals gemeinsam mit den anderen Standbildern versetzt wurde, aber im Unterschied zu beiden 1951 entfernt und eingeschmolzen wurde. Das pikante Nebeneinander der Hauptkontrahenten im Berliner Antisemitismusstreit – den Dialog von Mommsen und Treitschke – kann man daher (trotz der Rückkehr von Helmholtz und Mommsen in den Ehrenhof 1994 und 1991) nicht mehr erleben.

An die problematische Figur des verschwundenen Treitschke erinnert keine Tafel – dafür aber ein Denkmal an die verschwundenen Bücher, die bei der Bücherverbrennung auf dem heutigen Bebelplatz am 10. Mai 1933 unter tätiger Mithilfe von Studierenden der Friedrich-Wilhelms-Universität und im Zusammenhang einer Antrittsvorlesung eines Professors für politische Pädagogik angezündet wurden. 1994 hat der israelische Künstler Micha Ullman eine unterirdische Bibliothek mit leeren weißen Regalen unter der von den Nationalsozialisten angelegten Quaderung dieses Platzes geschaffen, die durch eine Glasplatte auf dem Boden sichtbar ist, mit Sicherheit eines der eindrücklichsten Denkmale dieser Stadt.

Die Schicksale der Denkmale vor dem Hauptgebäude der Humboldt-Universität zeigen, wie unbeholfen unsere Gesellschaft mit Denkmalen, die ja eigentlich das Erinnern an Schönes und Schreckliches befördern sollen, umgeht. Die liberalen Wissenschaftler Helmholtz und Mommsen verbannten die Nationalsozialisten in die dunkle Universitätsstraße, Planck entsprach nicht dem sozialistischen Kunstgeschmack und durfte nur in Zeuthen aufgestellt werden, Treitschke wurde gleich komplett entsorgt und mitten auf Ullmans Glasplatte stand in den letzten Wochen ein riesiges Veranstaltungszelt, in dem neueste Modetrends für die Frühjahrs- und Sommersaison 2010 präsentiert wurden. Können wir nur die Denkmale nicht ertragen? Oder ertragen wir vielleicht auch die Erinnerung an das, woran sie uns mahnen, nicht? Wenn das so wäre, bräuchten wir viele weitere Denkmale in der Stadt.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden dritten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

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