Kolumne: Wissenshunger : Gut vermarktet

Kai Kupferschmidt ist Molekularbiomediziner und schreibt über Ernährung und Wissenschaft. Diesmal: eine Beere aus Brasilien.

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Das Jahrzehnt, in dem wir uns befinden, ist verschiedentlich zum brasilianischen Jahrzehnt erklärt worden. Wirtschaftlicher Aufschwung, Fußball-WM, Olympische Spiele. Brasilien steigt auf zum Big Player. Das ist die Prognose in Kurzfassung.

In Sachen Lebensmitteln ist Brasilien längst eine Weltmacht. Schon heute produziert das Land mehr Kaffee, Zucker und Orangensaft als irgendein anderes Land auf der Erde. 2012 könnte Brasilien außerdem die USA als größter Sojaproduzent überholen. Auch in Sachen Hühner und Rinder ist Brasilien in der Welt Platz eins und zwei. Und es gibt einige Lebensmittel, die kommen überhaupt nur in Brasilien vor. Der Exportschlager unter ihnen ist die Açai-Beere.

Die kleinen schwarzvioletten Früchte wachsen zu hunderten an den dünnen Ästen von Palmen in den Überschwemmungswäldern des Amazonas. Die Beeren werden geerntet, in Wasser eingeweicht, von ihrem Stein befreit und dann als eine Art Püree zubereitet. In Rio de Janeiro gibt es den Beerentrunk an jeder Saftbar, meist mit viel Zucker dazu.

Bis vor einigen Jahren waren Açaibeeren außerhalb Brasiliens praktisch unbekannt. Dann entdeckten drei Freunde aus den USA im Urlaub die Beeren und entschieden sich, sie zu exportieren. In kürzester Zeit entwickelte sich die Nahrungsneuheit zur Trendfrucht. Açaibeeren enthalten hohe Mengen Antioxidantien, das sind Moleküle, die bestimmte schädliche Sauerstoffverbindungen, die im Körper entstehen, inaktivieren können („oxidativen Stress“ abbauen können). So sollen sie etwa helfen, vor Krebs zu schützen oder das Leben zu verlängern. Auch die Forschung interessiert sich deshalb für die Açai. Erst vor wenigen Wochen wurde eine Studie veröffentlicht, die zeigte, dass Fruchtfliegen, deren Leben aufgrund besonders hohen oxidativen Stresses nur kurz währt, mit einer Açaidiät bis zu drei Mal länger leben. Als Gesundheitsfrucht vermarktet und von Oprah Winfrey und anderen Stars angepriesen, avancierte Açai zum Verkaufsschlager in den USA. Inzwischen tauchen die dunklen Beeren auch in deutschen Säften immer häufiger auf.

Dabei sind die vermeintlichen Wunderbeeren nur ein weiteres Obst. Ihr Gehalt an Antioxidantien ist hoch, aber nicht viel höher als bei anderen Früchten. Und die positive Wirkung von Antioxidantien ist im Reagenzglas zwar hervorragend belegt. Im menschlichen Körper scheint es aber um einiges komplizierter zu sein. Vitamin C und Vitamin E etwa, zwei besonders bekannte Antioxidantien, wurden schon vor vielen Jahren zum Krebskiller ernannt. Bis klinische Studien an Tausenden von Rauchern und Asbestarbeitern ergaben, dass Menschen die diese Vitamine zu sich nahmen, kein niedrigeres Risiko hatten an Krebs zu erkranken. Sie starben sogar deutlich häufiger an Krebs.

Die Açaibeere ist also eine willkommene Erweiterung des Speiseplans, aber ob sie die Gesundheit nun wirklich fördert, das muss sich erst noch herausstellen. Womöglich ist das Jahrzehnt der Açai auch schon abgelaufen – und die nächste Trendfrucht auf dem Weg. Im Norden Brasiliens gibt es noch mehr als genug kaum bekannte Früchte, die sich bis zu den Olympischen Spielen hervorragend vermarkten lassen könnten.

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