Korallen : Die Wiege der Vielfalt

Korallenriffe sind bestens organisierte Städte unter Wasser – und eine wichtige Brutstätte für neue Arten.

 Roland Knauer
Korallenriff
Eintauchen. Korallenriffe sind eine eigene Welt mit zahllosen verschiedenen Arten. Die meisten leben nicht nur dort, sie sind auch...Foto: AFP

Wenn das keine Punktlandung war. Am heutigen Montag eröffnet Bundeskanzlerin Angela Merkel im Berliner Museum für Naturkunde das internationale Jahr der biologischen Vielfalt. Und nur wenige Tage vorher enthüllte der in diesem Museum forschende Paläontologe Wolfgang Kießling einen wichtigen Ursprung dieser Vielfalt: „Riffe als Wiegen der Evolution und Quellen der Biodiversität“ betitelt das renommierte Wissenschaftsjournal „Science“ (Band 327, Seite 196) die Studie des Berliner Professors und seiner beiden Kollegen.

Darin zeigt Kießling, dass schon vor 540 Millionen Jahren besonders viele Arten in den Korallenriffen entstanden. Und dass sich daran bis heute nichts geändert hat. Verglichen mit anderen Meeresgebieten der Tropen, in denen keine Korallen wachsen, entstehen innerhalb der Korallenriffe 45 Prozent mehr Gattungen. Mit diesen vielen neuen Arten versorgen die Riffe dann auch andere Regionen. 65 Prozent der dort neu entstandenen Gattungen erobern später auch andere Lebensräume. Im Vergleich dazu importieren die Korallenriffe selbst viel weniger Arten, die außerhalb entstanden sind. Weil es für alle Lebensräume innerhalb eines Korallenriffs bereits Spezialisten gibt, können sich Eindringlinge dort kaum behaupten, vermuten die Forscher. Biologen nennen diese Vielfalt Biodiversität.

Woher aber kommt die Artenvielfalt im Korallenriff? Grundlage sind die Korallen, die zwar Unterwasserbäumen ähneln, tatsächlich aber keine Pflanzen sondern Tiere sind. Wegen der bunten Farben und der filigranen Strukturen solcher Riffe heißen diese Organismen Blumentiere oder Anthozoa. Mit einem Fuß halten die winzigen Tierchen sich an Steinen oder ähnlichem hartem Untergrund fest. Als zusätzliche Stütze scheidet dieser Fuß bei verschiedenen Korallenarten eine bestimmte Form von Kalk aus, der ein äußeres Skelett bildet, das immer weiter wächst. An den Enden der so entstehenden astähnlichen Verzweigungen sitzen die eigentlichen Bewohner, die sogenannten Polypen. Aus dem vorbeiströmenden Wasser filtern sie mikroskopisch kleine Lebewesen.

Den in ihren Kalkwohnungen lebenden Steinkorallen reicht das gefangene Plankton allerdings nicht immer zum Leben. Sie haben deshalb Untermieter aufgenommen, winzige Algen, die im Körper der Steinkoralle leben und aus Sonnenlicht, Wasser und Kohlendioxid wichtige Nährstoffe wie zum Beispiel Zucker machen. Im Gegenzug schützen die Korallen ihre grünen Mitbewohner vor Feinden.

Der Leiter des Berliner Museums für Naturkunde, Reinhold Leinfelder vergleicht die Korallenriffe unter Wasser gern mit den Städten der Menschen und ihren Hochhäusern. Ähnlich wie in einer größeren Stadt verschiedene Spezialisten gut zusammenarbeiten und sich gegenseitig ergänzen, übernehmen auch die vielen Arten in einem Korallenriff verschiedene Aufgaben.

Die Algen in den Korallen sind die Solar-Kraftwerke der Unterwasserstädte, die für eine reibungslose Energieversorgung der Metropole zuständig sind. Wie in jeder Menschenstadt gibt es auch in der Tiefe eine Müllabfuhr und Klärwerke: Krebse und Krabben fressen anfallende Abfälle wie tote Fische und anderes Gewebe rasch auf. Schwämme wiederum pumpen laufend Wasser durch ihren Organismus und filtern dabei kleinere Lebewesen bis hin zu den winzigen Bakterien aus. So sorgen sie für klares Wasser, durch das Sonnenlicht möglichst gut zu den Algen dringt.

Bohrschwämme, Bohrwürmer und Bohrmuscheln bohren sich in kranke Korallen, um dort Schutz zu finden. Oft genug aber brechen dabei ganze Äste ab - diese Lebewesen übernehmen also die Funktion eines Abbruchunternehmens. Seeigel und Papageifische wiederum fungieren als Gärtner, weil sie Makroalgen fressen, die sonst bald das Riff überwuchern würden.

Sogar einen Zahnarzt gibt es in der Korallenstadt: Putzerfische und Putzergarnelen holen aus dem Maul und den Kiemen von großen Zacken- oder Riffbarschen Nahrungsreste und Parasiten. Anscheinend wissen die Raubfische, wie wichtig diese Mundhygiene ist, um Krankheiten vorzubeugen. Jedenfalls stellen sie sich oft geduldig an und warten, bis sie an der Reihe mit Zähneputzen sind. Viele Fische nutzen die Korallen auch als Kinderstube für ihre Brut, die in den engen Gassen der Unterwasserstadt nicht so leicht gefräßigen Feinden zum Opfer fällt.

Fällt ein Teil des komplizierten Teamworks aus, gibt es oft überraschende Nebenwirkungen. So ging es den Papageifischen in einem Meeresreservat der Bahamas bald hervorragend, als dort 1986 der Fischfang verboten wurde. Davon profitiert auch das Riff, weil die Papageifische den Seetang abknabbern, der sonst den Korallen Konkurrenz macht. Andererseits erholten sich nach dem Fischereiverbot auch die Bestände der Zackenbarsche wieder, zu deren Leibgerichten Papageienfische zählen. Die Rechnung mehr Zackenbarsche bedeutet weniger Papageienfische, mehr Tang und damit weniger Platz für Korallen geht aber trotzdem nicht auf. Denn die größten Arten der Papageienfische wachsen und gedeihen hervorragend, weil sie für die Zackenbarsche zu groß sind. Da ein großer Fisch aber erheblich mehr Tang frisst als ein kleiner, fällt das Gesamtergebnis für das Riff positiv aus.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben