Krebs : HIV-Medikament bekämpft Krebszellen

Tumorwachstum wird durch Anti-HIV-Mittel blockiert.

Mary Muers

Ein Medikament, das üblicherweise zur Behandlung einer HIV-Infektion eingesetzt wird, verlangsamt das Wachstum von Krebszellen, haben Forscher herausgefunden. Die Entdeckung weckt Hoffnungen, dass Medikamente, die zur Behandlung einer tödlichen Erkrankung entwickelt wurden, auch genutzt werden können, eine andere zu bekämpfen.
Das HIV-Medikament Nelfinavir wird unter diesen neuen Aspekten nun an Patienten mit einer Reihe von Krebserkrankungen klinisch getestet. Krebsforscher denken, durch die "Weiterverwendung" von Medikamenten, die bereits in der HIV-Therapie zugelassen sind, den Zeitraum von 15 Jahren und die geschätzten Kosten von einer Billion US-Dollar für die Phase von der Entwicklung bis zur klinischen Zulassung eines Krebsmedikaments reduzieren zu können.
Phillip Dennis und seine Mitarbeiter am National Cancer Institute in Bethesda, Maryland, begannen HIV-Medikamente an Krebszellen zu testen, nachdem sie entdeckt hatten, dass der Effekt, den das Virus auf Zellen hat, den Veränderungen ähnelt, die in Krebszellen beobachtet werden können. Die Suche nach neuen Wegen bei der Krebsbehandlung hatte bislang Schmerzmittel und Medikamente gegen Übelkeit hervorgebracht.

Doppelter Nutzen

Dennis' Team testete sechs eingeführte HIV-Medikamente an unterschiedlichen Krebszellen, die im Labor gezüchtet worden waren. Drei der Medikamente verlangsamten das Wachstum der Tumorzellen signifikant und führten den Zelltod herbei, berichten die Forscher in Clinical Cancer Research (1). Das effektivste der drei, Nelfinavir, ein Proteaseinhibitor, blockierte ebenfalls das Tumorwachstum bei Mäusen, denen Krebszellen injiziert worden waren.
Der Effekt ist nicht sonderlich überraschend, meint Ian Hampson von der Universität Manchester, der bereits früher entdeckt hatte, dass ein anderes HIV-Medikament mit dem Namen Lopinavir das Potenzial besitzt, Gebärmutterhalskrebs zu stoppen. "Krebs und Virusinfektionen haben viele Parallelen", sagt er.
Hampson nimmt an, dass Viren wie HIV sich gegen das Immunsystem schützen, indem sie das Proteasom der Zellen, das unter anderem für den Abbau fehlerhafter Proteine zuständig ist, verändern, sodass Proteine des Immunsystems zerstört werden, bevor sie das Virus bekämpfen können. Mutationen, die Krebs verursachen, können ebenfalls Einfluss auf das Proteasom nehmen, daher können Medikamente, die der Zerstörung von Proteinen entgegenwirken, wie Nelfinavir, theoretisch bei beiden Erkrankungen von Nutzen sein.
Nelfinavir befindet sich nun in der Vorstufe klinischer Tests durch die seine Auswirkungen auf solide Tumoren im menschlichen Körper erfasst und die Dosen, die Krebspatienten tolerieren, ermittelt werden sollen.
Die Idee, Medikamente in verschiedenen Bereichen der Medizin einzusetzen, gewinnt an Boden - HIV-Medikamente werden auf ihre Wirksamkeit bei SARS-Infektionen untersucht und das Anti-Malariamittel Chloroquin wird als potenzielle Krebstherapie erforscht. Dennis ist der Ansicht, dass "das Konzept, alle Medikamente auf ihre Wirksamkeit bei Krebserkrankungen zu untersuchen, großes Potenzial birgt".

(1) Gills, J. et al. Clin. Cancer Res. 13, 5183-5194 (2007).

Dieser Artikel wurde erstmals am 31.8.2007 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news070827-7. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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