Krebsforschung : Der Tumor, der plötzlich verschwand

Neue Medikamente stärken das Immunsystem im Kampf gegen den Tumor. Werden die Wirkstoffe kombiniert, vergrößert das den Erfolg.

Hartmut Wewetzer
Dendritische Zellen stimulieren die Killerzellen des Immunsystems. Die Immuntherapie verstärkt das Signal der dendritischen Zellen.
Fangarme gegen den Krebs. Dendritische Zellen stimulieren die Killerzellen des Immunsystems. Die Immuntherapie verstärkt das...Foto: Imago

Mit dieser Reaktion hatte wohl niemand gerechnet. Der 49-jährigen Frau war vor vier Jahren ein schwarzer Hautkrebs, auch Melanom genannt, von ihrem Rücken entfernt worden. Jetzt war der Tumor zurückgekehrt und hatte sich als große, klumpige Masse unterhalb ihrer linken Brust bis zur Brustwand ausgebreitet. Die Frau bekam zwei neuartige Wirkstoffe zur Stärkung des Immunsystems, Ipilimumab und Nivolumab, in die Venen gespritzt. Als sie drei Wochen später für die nächste Behandlung in die Klinik zurückkehrte, war der Tumor verschwunden und hatte eine mehrere Zentimeter lange klaffende Lücke hinterlassen.

Veröffentlicht ist der Fallbericht aus dem „Memorial Sloan Kettering“-Krebszentrum in New York in der Online-Ausgabe des Fachblatts „New England Journal of Medicine“. Auch wenn die Krankengeschichte nicht alltäglich ist, zeigt sie, zu welch heftigen und raschen Attacken das allgemein eher als träge verschriene Immunsystem in der Lage ist.

Aus Anlass eines amerikanischen Krebsforschertreffens hat das „New England Journal“ eine Reihe von Immuntherapie-Studien veröffentlicht. Neue Wirkstoffe wie Ipilimumab und Nivolumab bekämpfen den Krebs indirekt, indem sie die Körperabwehr kräftigen. Die Medikamente blockieren „Checkpoints“ auf den Immunzellen. Die „Checkpoints“ sind Signalmoleküle, die die Abwehrzellen besänftigen. Werden sie ausgeschaltet, kann das Immunsystem Krebs aggressiver bekämpfen, wie im Fall der amerikanischen Melanompatientin. Gegen zwei Checkpoints sind bislang Wirkstoffe zugelassen, an weiteren wird geforscht.

Bereits gut etabliert ist die Immuntherapie bei der Melanom-Behandlung. Wie die Untersuchungen zeigen, lassen sich die Erfolge deutlich steigern, wenn man beide Checkpoints zugleich blockiert.

Auch beim nicht kleinzelligen Bronchialkarzinom wird die Therapie erprobt. Dieser Tumor, die häufigste Form von Lungenkrebs, ist ungleich häufiger als das Melanom. Ob die Immuntherapie der herkömmlichen Behandlung mit Chemotherapie überlegen ist, wird sich jedoch noch zeigen müssen.

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