Krebstherapie : Geografie der Genesung

Auch der Wohnort entscheidet darüber, ob eine Krebsbehandlung erfolgreich ist – wichtig ist eine kompetente Anlaufstelle.

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Technik gegen Tumor. Strahlentherapie in einer Dresdner Klinik. Foto: picture alliance / dpa
Technik gegen Tumor. Strahlentherapie in einer Dresdner Klinik.Foto: picture alliance / dpa

Die Diagnose ist schlimm genug. Dass Krebs auch eine logistische Herausforderung ist, merken Betroffene und ihre Angehörigen, wenn es um die richtige Anlaufstelle für die Behandlung geht. Ist es für ein optimales Ergebnis womöglich entscheidend, wo man lebt? Diese Frage stellte die Deutsche Krebsgesellschaft in der letzten Woche mit ihrer Diskussionsveranstaltung „Therapiefaktor Wohnort – die Tücken der Versorgungslandschaft in der Onkologie“ in Berlin.

Es ist eine schockierende Frage, hat doch der Patient zumindest auf dem Papier einen Rechtsanspruch darauf, nach dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis behandelt zu werden. Ohne Ansehen der Person, ohne Ansehen auch des Ortes, an dem sie lebt.

Geringere Überlebenschancen in sozioökonomisch schwachen Landkreisen

Als im Juni 2014 eine Untersuchung aus dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) im Fachblatt „International Journal of Cancer“ veröffentlicht wurde, war deshalb die Aufregung groß. Lina Jansen und ihre Kollegen hatten für die 25 häufigsten Krebserkrankungen Informationen von rund einer Million Patienten zusammengetragen, die zwischen 1997 und 2006 ihre Diagnose bekommen hatten. Die 200 Landkreise, die sie dabei berücksichtigten, unterteilten sie nach Einkommen, Arbeitslosenquote, Rate an Verbrechen und Verkehrsunfällen in fünf Gruppen mit unterschiedlichem sozioökonomischem Profil.

Die Forscher belegten, dass die Menschen in den Landkreisen, die in diesen Punkten schlechter abschnitten, auch hinsichtlich des Überlebens im Fall von Krebs schlechtere Chancen hatten. In den sozioökonomisch schwächsten Landkreisen hatten nach fünf Jahren im Schnitt nur 56,5 Prozent der Erkrankten überlebt, in den anderen deutlich über 60 Prozent. Die Ungleichheit war am größten, wenn man nur auf die ersten drei Monate und nur auf Krebsarten schaute, die sich heute schon recht gut behandeln lassen. Das lag nicht nur daran, dass Menschen aus ärmeren Regionen tendenziell erst in einem späteren Stadium der Krankheit ärztliche Hilfe suchen.

Zertifizierte Krebszentren

Auch aus anderen Ländern mit einem guten Gesundheitssystem waren zuvor schon ähnliche Ergebnisse gekommen. Unterschiede in der Erreichbarkeit spezialisierter Behandlungszentren dürften in einem Flächenland wie Kanada eine größere Rolle spielen. „Wer so viele Zentren hat wie wir, könnte glücklich sein“, sagte dagegen bei der Veranstaltung die ehemalige Brustkrebspatientin Ulla Ohlms, die sich als engagierte Patientenvertreterin heute für die Patienten-Tumorbank Path engagiert.

Sie meinte die von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifizierten Organkrebszentren, von denen es inzwischen etwa für Brust-, Darm-, Lungen- und Prostatakrebs schon eine große Anzahl gibt. Von den Versicherten seiner Kasse würden heute 83 Prozent der Frauen mit Brustkrebs, aber nur 30 Prozent der Männer mit einem Prostatakarzinom in zertifizierten Zentren behandelt, berichtete Christoph Rupprecht von der AOK Rheinland/Hamburg. Die Brustzentren waren die ersten, die zertifiziert wurden.

Therapie gemäß von Behandlungsleitlinien erhöht Lebensqualität

Zentrum, das meint in diesem Fall nicht unbedingt ein Gebäude und ein gemeinsames Dach. „Wichtig ist nicht der Ort, sondern die angegliederten Spezialisten“, sagte Jochen Heymanns vom Berufsverband der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen. Entscheidend ist, dass die Spezialisten sich regelmäßig treffen und über die Behandlung beraten. „Unsere Daten zeigen, dass es die Chance auf ein längeres Überleben erhöht, wenn man sich in diesem Rahmen behandeln lässt“, berichtete Rupprecht.

Die „Brenda“-Studie, die der gynäkologische Krebsspezialist Rolf Kreienberg an der Universität Ulm ins Leben rief und die Daten von mehr als 13 000 Frauen umfasst, belegt noch etwas anderes: Die Teilnehmerinnen, deren Therapie sich nach den Behandlungsleitlinien der Fachgesellschaften richtete, deren Empfehlungen sich auf gute wissenschaftliche Studien stützen, hatten bessere Chancen auf Heilung und gute Lebensqualität.

Was bringen zusätzliche Angebote?

Bringt es den Erkrankten zusätzlich einen Nutzen, wenn sie von ihrer Krankenkasse Angebote bekommen, die über die Empfehlungen der Leitlinien hinausgehen? Eine brisante Frage, denn solche Angebote gibt es nur punktuell. Im Rahmen des „Netzwerkes Genomische Medizin“ wird zum Beispiel einer Gruppe von Versicherten der AOK Rheinland/Hamburg mit unheilbarem Lungenkrebs an der Uniklinik in Köln eine umfassende molekulare Tumordiagnostik angeboten. Getestet werden auch genetische Veränderungen des Tumors, denen heute noch nicht beizukommen ist. Auswertungen sollen zeigen, was das den Erkrankten langfristig bringt.

Schon heute empfiehlt die Leitlinie „Nichtkleinzelliges Bronchialkarzinom“ Untergruppen von Erkrankten einige dieser Tests, weil neue Mittel aus der Gruppe der Kinasehemmer ihnen die Chance auf ein längeres Leben ohne Fortschreiten der Krankheit oder sogar auf Heilung bieten. „In Feld-Wald-Wiesen-Kliniken gibt es aber Leute, die davon keine Ahnung haben“, kritisierte Heymanns. „Viele Krankenhäuser können die Tests nicht machen und schicken die Patienten dafür zum niedergelassenen Onkologen“, ergänzte Johannes Bruns, Generalsekretär der Deutschen Krebsgesellschaft. Rupprecht nannte als nachahmenswertes Beispiel Frankreich, wo der Zugang zu Tests umfassend ist. „91 Prozent der Patienten erhalten sie, das Ergebnis liegt im Mittel nach 18 Tagen vor.“

Wichtiger als der Wohnort ist für Krebspatienten heute wahrscheinlich das Wissen um eine kompetente Anlaufstelle. Dass in den schwächeren Landkreisen die Überlebenschancen geringer sind, wie die DKFZ-Studie zeigte, lässt sich auch als Informationsdefizit deuten. Erste Informationen über Krebszentren, Kliniken und die Kriterien, auf die es ankommt, vermittelt neben dem Hausarzt, der in vielen Fällen die erste Anlaufstelle ist, zum Beispiel der Krebsinformationsdienst.

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