Krebstherapie : Nicht mehr heilbar

Am Ende geht es nur noch darum, Leiden zu lindern. Das kann auch Ärzte überfordern.

Rosemarie Stein
Klinik
Letzte Unruhestätte. Viele Sterbende werden im letzten Moment noch in die Klinik gebracht - oft ein sinnloses Vorgehen. -Foto: dpa

Den großen Durchbruch hat es in der Krebstherapie bisher nicht gegeben. Vielleicht ist er auch Illusion, denn Krebs kann ganz unterschiedliche Ursachen haben und die Behandlung ist entsprechend vielseitig. Aber viele kleine Schritte, die zunehmende Spezialisierung und die systematische Zusammenarbeit der Disziplinen bei der Versorgung auch jener Krebspatienten, die nicht geheilt werden können, verlängern und verbessern ihr Leben bis zur letzten Krankheitsphase.

Erstaunlich viele und gut besuchte wissenschaftliche Veranstaltungen des 29. Deutschen Krebs-Kongresses befassten sich mit der „palliativen“, das heißt lindernden Versorgung von Krebspatienten in der letzten Phase ihrer Krankheit, in der es nicht mehr um Verlängerung des Lebens, sondern um Verringerung des Leidens geht. Immer mehr Krankenhäuser richten auch Palliativstationen für nicht mehr heilbare Patienten mit begrenzter Lebenserwartung ein, deren Beschwerden sich dort so weit reduzieren lassen, dass viele nach Hause oder ins Hospiz entlassen werden können.

Um Symptome unklaren Ursprungs zu erkennen und wirksam zu behandeln, finden auch in Palliativstationen noch Untersuchungen statt, sofern die Patienten ihnen zustimmen und sie sinnvolle therapeutische Folgen versprechen, sagte Norbert Frickhofen, Palliativmediziner in Wiesbaden. So könne ein EEG, eine Hirnstrommessung, auch beim Palliativpatienten noch nötig sein, um Verwirrtheitsformen voneinander zu unterscheiden und Epilepsie-ähnliche Zustände zu ermitteln, die oft Folge von Hirntumoren seien. Meist lassen sie sich mit Benzodiazepinen und Antiepileptika gut behandeln.

Selbst eine Chemotherapie kann noch in Frage kommen, auch wenn ein hochbetagter Patient und sein Arzt sich gegen den Versuch einer lebensverlängernden Behandlung entschieden haben. So ist durch verschiedene Studien gesichert, dass die meisten bejahrten Patienten weit weniger Wert auf Lebensverlängerung als auf Lebensqualität legen. Hängen Beschwerden mit der Krebsgeschwulst zusammen und spricht sie auf ein gut verträgliches Mittel an, kann eine palliative Chemotherapie von Nutzen sein.

Leider geschieht mit Krebskranken im letzten Stadium ihres Leidens auch viel Sinnloses und Quälendes. Brigitte Schwalbe von den DRK-Kliniken Berlin Westend erlebt als Leiterin der Notaufnahme ständig, das Sterbende im letzen Moment (der Pfarrer wurde schon ins Haus gebeten) in die Klinik gebracht werden, weil hilflose Angehörige einen ebenso hilflosen Notarzt alarmiert haben. Wie neue Studien zeigen, werden bei vier Prozent aller Notarzteinsätze, auch in Pflegeheimen, Beinahe-Tote eingewiesen. Die meisten sterben noch in der Notaufnahme und selbst „erfolgreich“ Reanimierte binnen 48 Stunden.

Auch Palliativmediziner – das brachten mehrere von ihnen offen zur Sprache – können überfordert sein. Zum einen, wenn sie mit „Total Pain“ konfrontiert sind, wie die Pionierin der Palliativversorgung, Cicely Saunders, das Leiden von Todkranken in allen seinen Dimensionen nannte, der körperlichen, seelischen und sozialen. Zum anderen, wenn sie im Ausnahmefall nicht einmal die körperlichen Beschwerden bis zur Erträglichkeit reduzieren können und die schwer Leidenden sich den Tod wünschen.

Über erste Ergebnisse einer anonymen Befragung von 780 Palliativmedizinern berichtete Jan Schildmann von der Universität Bochum. Einer gab an, Beihilfe zum Suizid geleistet zu haben (was nicht strafbar ist). Siebenmal wurde „Tötung auf Verlangen“, zweimal sogar Tötung ohne Verlangen zugegeben (beides als aktive Sterbehilfe strikt verboten). Und 600 mal gaben die Ärzte an, unerträgliche Beschwerden medikamentös gelindert zu haben, und zwar unter Inkaufnahme einer möglichen Lebens- oder eher Sterbensverkürzung (als „terminale Sedierung“ nicht verboten). Auch einwilligungsfähige Patienten wurden nicht immer in die Entscheidung einbezogen; wie die Ärzte meinten, zu ihrem Besten.

Die Palliativmedizin lehne die aktive Sterbehilfe wegen der „Dammbruch“-Gefahr ab und weil die Kranken oft ihre Meinung änderten, sagte Lukas Radbruch vom Uniklinikum Aachen. Trotzdem wolle man darüber reden können, auch wenn bei den meisten Patienten dank umfassender Palliativversorgung der Lebenswille zurückkehrt.Rosemarie Stein

Über die Möglichkeiten der palliativen Versorgung in Berlin informiert die „Zentrale Anlaufstelle Hospiz“, Beratungstelefon 40 71 11 13, www.hospiz-aktuell.de

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