Kritik am China-Institut Merics : "Durch Merics droht ein Monopol"

Das Berliner Institut Merics beeindruckt durch seine Größe und seine Expertise zum modernen China. Experten aus länger etablierten Instituten fürchten eine Monopolstellung - und vermissen beim Merics die historische Perspektive.

Gemma Pörzgen
Chinesische Landarbeiter pflanzen auf einem Feld Reis, im Hintergrund ragt eine Front von Hochhäusern auf.
Entwurzelt. Der soziale Wandel in China ist eines der Merics-Themen. Kritiker vermissen die historische Perspektive.Foto: REUTERS

Gute Beziehungen zur Weltmacht China sind für die deutsche Außenpolitik von strategischer Bedeutung. Die Nachfrage nach kritischer Expertise und praxisbezogener Politikberatung ist groß. Mit dem Mercator-Institut für China-Studien (Merics) entstand 2013 in Berlin eine der weltweit größten Forschungsstätten über das moderne China. Es bereichert die Wissenschaftsszene mit neuen Ansätzen, zieht aber auch Kritik auf sich.

Die Mercator-Stiftung investiert über fünf Jahre 18,4 Millionen Euro in das Institut, das der angesehene China-Experte Sebastian Heilmann leitet.

Am Merics gefragt ist der Typ des Praktiker-Wissenschaftlers

Merics berät Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft, ist aber auch Ansprechpartner für die Medien. Dabei ist die gegenwartsbezogene und praxisorientierte China-Forschung Programm. „Wir wollen China in seiner ganzen Vielfalt und Widersprüchlichkeit darstellen“, sagt Vizedirektor Björn Conrad, ein Sinologe und Harvard-Absolvent, der zuvor bei der Welternährungsorganisation in Rom arbeitete. Damit verkörpert der Leiter des Forschungsbereichs Innovation, Umwelt, Wirtschaft selbst den Typ des bei Merics gefragten „Praktiker-Wissenschaftlers“.

„Der Informationsbedarf ist riesig“, sagt Conrad und sieht die größte Herausforderung für Merics in dem schwierigen „Spagat zwischen unterschiedlichen Zielgruppen“, zwischen schnellen tagesaktuellen Einschätzungen und langfristiger Forschung. Das kann für ihn bedeuten, dass er morgens ein schnelles Radio-Interview gibt und nachmittags mit dem Planungsstab des Auswärtigen Amtes komplexe Sachverhalte debattiert. Das Institut beschäftigt rund 30 Mitarbeiter, darunter auch chinesische Wissenschaftler. Es geht um die Digitalisierung, das Finanzsystem oder den sozialen Wandel in China. Dabei vermittle Merics ein differenziertes China-Bild, sagt Conrad.

In der Community ist China-Expertise gefragt

Das Institut sieht sich auch als Anlaufstelle für die an China interessierte Community. Die sei in Berlin viel größer als zunächst angenommen, sagt die Leiterin der Kommunikation, Kerstin Lohse-Friedrich. Zu den Veranstaltungen in der „China-Lounge“ kommen Diplomaten, Geschäftsleute, NGO-Vertreter, Journalisten, aber auch im Kunsthandel mit China tätige Galeristen.

In der Wissenschaft gibt es auch kritische Stimmen: „Der historische Aspekt fehlt völlig“, sagt Iwo Amelung, Sinologie-Professor in Frankfurt am Main. Der deutschen Sinologie sei immer vorgeworfen worden, „gegenwartsblind“ zu sein. Der Reflex, bei Merics nun die historische Perspektive praktisch auszublenden, sei aber falsch. „Mehr China-Expertise ist wichtig“, sagt die China-Expertin des German Institute of Global and Area Studies (Giga) in Hamburg, Margot Schüller. Sie vermisst aber ein „klares Profil“ mit längerfristig ausgerichteten Forschungsprogrammen und mehr Vernetzung mit deutschen China-Experten.

Merics verzichtet auf eine eigene Bibliothek

„Natürlich ist es eine Konkurrenz, aber das belebt die China-Debatte“, sagt Hanns Günther Hilpert, Asien-Experte in der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Merics habe sich schon durch seine personelle Stärke und die professionelle Außendarstellung sehr gut etablieren können. Dadurch könnte das Institut aber auch die China-Expertise monopolisieren. Bei der Forschungsarbeit bleibe aber abzuwarten, ob Merics „auch dauerhaft gute schriftliche Studien publiziert“, sagt Hilpert. Für Kopfschütteln sorgt in der Szene, dass Merics ganz auf eine eigene Bibliothek verzichtet. Im Institut heißt es dazu, die Mitarbeiter könnten auf den Bestand der nah gelegenen Staatsbibliothek sowie Online-Ressourcen und Datenbanken zurückgreifen. Auswärtige Wissenschaftler bezweifeln, dass man so fundiert arbeiten kann.

Trotz solcher Einwände ist Merics inzwischen auch als Modell für andere Denkfabriken gefragt. Kürzlich kamen Kollegen vorbei, die in Berlin gerade ein neu zu gründendes Osteuropa-Institut planen und dafür Rat suchen. „Die Regionalstudien müssen gestärkt werden“, sagt Conrad. Diese Erkenntnis setze sich auch für andere Weltgegenden durch.

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