Kritik an Berliner Senat : Ungeliebter Ressortschnitt

28.08.2012 00:00 Uhrvon
Geforscht wird auch außerhalb von Universitäten: Hier wird ein Plasma-Wirbler bei der Campus Party Europe, einem Treffen von jungen Bloggern und Programmierern in Berlin, ausprobiert. auszutauschen. Foto: Britta Pedersen dpa/lbn +++(c) dpa - Bildfunk+++ Foto: dpa
Geforscht wird auch außerhalb von Universitäten: Hier wird ein Plasma-Wirbler bei der Campus Party Europe, einem Treffen von jungen Bloggern und Programmierern in Berlin,... - Foto: dpa

Die Berliner Wissenschaft kritisiert weiter die Teilung des Wissenschafsressorts. Auch wenn sich alle Beteiligten bemühen: „Die Abläufe sind komplizierter geworden“, sagen die Kritiker der umstrittenen Ressortaufteilung.

Für den Vorstandsvorsitzenden des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC) ist es noch immer ein Ärgernis. „Wir bemühen uns alle, die Trennung von außeruniversitärer und universitärer Forschung zu überwinden, aber in Berlin werden wir wieder auseinanderdividiert“, sagt Walter Rosenthal. Vor zehn Monaten ist in den Koalitionsverhandlungen zwischen SPD und CDU die Entscheidung gefallen, die Forschung an außeruniversitären Einrichtungen aus der Wissenschaftsverwaltung auszugliedern und im Ressort Wirtschaft anzusiedeln. Damit sollte das Portfolio von Wirtschaftssenatorin Sybille von Obernitz (parteilos; für die CDU) aufgewertet werden.

„Eine reine Proporzentscheidung, für die es auch im Nachhinein keine sachliche Begründung gibt“, sagt der MDC-Chef.

„Wir sehen den Vorteil der Neuordnung bis heute nicht“, sagt auch der Präsident der Freien Universität (FU), Peter-André Alt. Von den versprochenen Synergieeffekten zwischen Forschung und Wirtschaft sei nichts zu spüren. Der Präsident der Humboldt-Universität (HU), Jan-Hendrik Olbertz, nennt die Ressortaufteilung einen „politisch nachvollziehbaren Balanceakt, für dessen Folgen ich aber ungern aufkomme“.

Doch was sind die Folgen? Im November 2011 hatten Außeruniversitäre und Unis in einem Protestschreiben an die Koalitionäre davor gewarnt, gemeinsame Berufungen könnten erschwert und Kooperationsprojekte behindert werden. Heute ist davon nicht mehr die Rede. Beispiele gescheiterter Vorhaben kann niemand nennen. Vielmehr seien alle Beteiligten bemüht, „das Beste aus der Situation zu machen“, wie Walter Rosenthal sagt.

So war es wohl auch bei dem von FU, HU, Naturkundemuseum und Leibniz-Instituten bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft beantragten Biodiversitäts-Zentrum. Die Berliner waren im Frühjahr knapp Mitbewerbern aus Leipzig, Jena und Halle unterlegen. Beide Vorhaben waren von den Gutachtern zuvor als gleichermaßen exzellent beurteilt worden. Nicht Berliner Kompetenzgerangel hat den Berliner Antrag zu Fall gebracht, sondern die wissenschaftspolitische Entscheidung, bei Gleichstand dem ostdeutschen Konsortium den Vorrang zu geben.

Was bleibt, ist ein eher atmosphärisches Unbehagen. „Die Abläufe sind komplizierter geworden“, klagt der MDC-Chef. So säßen bei den Gesprächen über die geplante enge Kooperation zwischen dem zur Helmholtz-Gemeinschaft gehörenden Max-Delbrück-Centrum und der Universitätsmedizin Charité nicht nur zwei Staatssekretäre mit am Tisch. „Die Verdoppelung der Leute, die mitreden, reicht bis zur Referatsleiterebene.“ Durch die „doppelte Senatsverwaltung“ sei es mühsamer geworden, sich abzustimmen, sagt auch HU-Präsident Olbertz. In der nächsten Legislaturperiode müssten Wissenschaft und Forschung unbedingt wiedervereint werden. So sehen es auch Rosenthal und Alt.

Dem Personal in den beiden Verwaltungen macht indes niemand einen Vorwurf. Rosenthal nennt es einen „glücklichen Umstand innerhalb der missglückten Neuordnung der Wissenschaftsverwaltung“, dass die Abteilung Forschung unter der Leitung von Jutta Koch-Unterseher in die Wirtschaftsverwaltung gewechselt ist, die dortigen Ansprechpartner also weitgehend dieselben blieben. Zufrieden sind die Wissenschaftsmanager auch mit dem für Forschung zuständigen Wirtschaftsstaatssekretär Nicolas Zimmer (CDU) und mit seinem Counterpart in der Wissenschaftsverwaltung, Knut Nevermann (SPD). Beide werden als engagiert und kompetent beschrieben. Die Senatorinnen selber, Sybille von Obernitz und Sandra Scheeres (SPD), seien ihrerseits bemüht, die Teilung zu meistern.

Was jedoch bei dem Hin und Her zwischen den Senatsverwaltungen untergehe, sei eine Vision, sagt FU-Präsident Alt. Die Stadt brauche dringend ein „Zukunftskonzept Wissenschaftsstandort Berlin“. Soeben hat die Stadt zwei Eliteuniversitäten errungen, als Forschungsregion hat Berlin München erstmals überholt. Doch wie soll es weitergehen?

Fünf Senatsverwaltungen – Wirtschaft, Bildung, Stadtentwicklung, Arbeit und Gesundheit – sollten gemeinsam mit den Unternehmen der Stadt einen Plan erarbeiten, „wie der Wissenschaftsstandort Berlin ausgestattet werden muss, damit er in den nächsten zehn Jahren so leistungsfähig wie heute bleibt“, schlägt Alt vor. Zunächst müssten Schwerpunkte und Stärken identifiziert werden, dann mögliche neue Kooperationsmöglichkeiten zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, aber auch künftige Bundesbeteiligungen wie bei der Kooperation von Charité und MDC. Für die Universitäten gehe es dabei um „klare Perspektiven für die Planung“, sagt Alt. Schließlich solle der Finanzbedarf für die nächsten zehn Jahre ermittelt werden.

Ein solches Gutachten, das auch die Wissenschaft in Brandenburg einbeziehe, habe der Verein der Berliner Kaufleute und Industriellen (VBKI) in Auftrag gegeben, ist zu hören. Der VBKI bestätigt dies, ein Veröffentlichungstermin stehe aber noch nicht fest.

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