Kuba : Satire gegen die Tyrannei

Die kubanische Bevölkerung beantwortet die Sprache der Diktatur mit vorrevolutionären Kulturtechniken.

Cornelius Griep
Verordneter Stolz.
Verordneter Stolz.

Im kubanischen Staatsfernsehen appelliert die Regierung wieder einmal, die Kubaner sollen den Gürtel enger schnallen, „um aus der wirtschaftlichen Schlacht siegreich hervorzugehen und mit der Revolution weiter in Freiheit und Würde leben zu können“. Angel, ein Enddreißiger aus Havanna, stöhnt genervt auf, als kurz darauf noch Archivaufnahmen des ehemaligen Comandante Fidel Castro gezeigt werden. Seinem Frust macht Angel durch ein paar Witze darüber Luft, wie die Kubaner auch nach 50 Jahren noch nach der Pfeife des „coma andante“ (wandelndes Koma) tanzen.

Nicht nur für Angel sind die Wege des extremen Sozialismus längst keine Alternative mehr. Für die Mehrheit der Bevölkerung hat die Revolution schon längst die Authentizität verloren, die sie 1959 noch hatte, als ein siegreicher Fidel verkündete, die Revolution sei so grün wie ihre Palmen. Nach der gescheiterten Invasion von Exilkubanern im April 1961 wurde die pro-sowjetische Ausrichtung des Landes eingeläutet. Von nun an erstarrten die idealistischen Parolen der Revolutionäre in stereotyper offizieller Propaganda. Diese massive Invasion des offiziellen Raumes durch Konzepte, Wörter und Losungen, die weder Platz für Zwischentöne noch für Dialoge lassen, hatte tief greifende Wirkungen auf die kubanische Sprachlandschaft. Nachdem sich das Ideal eines „neuen Menschen“ spätestens nach dem Ausbleiben der „sozialistischen Bruderhilfe“ als Utopie herausgestellt hat, existieren heutzutage zwei gegensätzliche sprachliche Tendenzen nebeneinander. Während die ideologisch-politische Sprache kaum erneuert wurde, benutzen die Kubaner in ihrer Alltagssprache zunehmend alte Kulturtechniken, um der staatlichen Propaganda entgegenzutreten.

Insbesondere die choteo, eine kubanische Tradition der Übertreibung und Satire, ist für viele Kubaner ein unauffälliges und ungefährliches Ausdrucksmittel der Auflehnung gegen die Staatsautorität. Choteo hat eine Ventilfunktion für Alltagsprobleme: In der Wendung „Gott gab uns zwei Eier, aber Papa mit Bart FIDEL CASTRO]gibt uns acht Eier im Monat“ (Dios nos dió sólo dos huevos, y barabapapá da ocho huevos al mes) etwa ist eine Kritik an der als unzureichend empfundenen Versorgung der Bevölkerung durch die Lebensmittelkarten versteckt. Hier bewirkt die choteo eine Entfremdung vom politischen Dogma und sorgt für eine soziale Entspannung der festgefahrenen Strukturen der Gesellschaft. Kritik kann geäußert werden, ohne das System offen infrage zu stellen.

Der kubanische Ethnologe Fernando Ortiz prägte einst den Begriff ajiaco, um die mannigfaltigen kulturellen Einflüsse auf die kubanische Nation zu veranschaulichen. Ajiaco ist eigentlich ein traditioneller Eintopf mit Zutaten wie Schweinefleisch, Maniok, Süßkartoffeln, Banane, Mais und vielem mehr. Mit dem Konzept ajiaco wird aber auch beschrieben, wie tief die offizielle Propaganda in das geschichtliche Bewusstsein der Kubaner eingegriffen hat. So gehen die Vorstellungen von Vaterland, Staat und Nation in Kuba seit langem in der von „Revolucion“ auf.

Gleichzeitig hat die staatlich verordnete Ideologie versucht, kubanische Traditionen, Folklore und kulturelle Werte zu überformen. So wurden mystisch-religiöse Tendenzen jahrzehntelang unterdrückt und von den staatlichen Medien im Sinne der Gegnerschaft zu den USA instrumentalisiert. Die Propaganda schrieb dem kubanischen Volk eine Mission als auserwähltes Volk zu, welches „das Imperium“ USA in seine Schranken zu weisen habe. Kuba wurde lange als ein Land dargestellt, von dessen Position und Pflichtbewusstsein die Zukunft des Planeten abhängt. Bis heute findet sich in den Straßen von Havanna etwa ein Propagandaplakat mit der Parole „... nie zuvor wurde ein Volk mit so vielen Qualitäten und Tugenden geschmiedet. Kuba“.

Die Haltung der Bevölkerung zeichnet sich jedoch durch stark schwankende Gefühle gegenüber der Revolution aus. Eine tief verwurzelte Hass-Liebe zieht sich durch alle Bevölkerungsschichten. Aufgrund der Vorteile des Sozialsystems empfinden viele einerseits Dankbarkeit gegenüber dem Staatspaternalismus, andererseits lehnen sie weitere staatliche Maßnahmen ab, die ihren Lebensstandard und ihre Handlungsfreiheit weiter beeinträchtigen könnten.

Da es keine Möglichkeit gibt, in der Öffentlichkeit einen Standpunkt neben dem offiziell existierenden einzunehmen, haben sich diese Widersprüche im Bewusstsein der Menschen in einer Mentalität des doppelten Spiels manifestiert. Diese ist mittlerweile zu einem Teil der kubanischen Lebensweise geworden.

Der Autor ist Kultur- und Medienwissenschaftler an der Technischen Universität Berlin. Kürzlich erschien sein Buch „Die Wirkung des offiziellen Diskurses auf die Alltagssprache in Kuba“ (Verlag Peter Lang 2011).

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