Künstliche Befruchtung : Gezeugt im Glas

30 Jahre Retortenbabys - was bringt die Zukunft? Könnten Embryos vielleicht sogar ganz außerhalb des Mutterleibes aufwachsen?

Hannes Heine
Louise Brown
Louise Brown wird 30. Das erste Retortenbaby mit seinen eigenen Kindern. -Foto: dpa

Superbaby, Labormensch, Wunderkind nannte sie die Presse. Louise nannten sie ihre Eltern. Als erstes Retortenbaby war Louise Brown am 25. Juli 1978 in Großbritannien zur Welt gekommen. Heute feiert die Britin ihren 30. Geburtstag. Befürchtungen, ihre Zeugung im Reagenzglas könnte zu Missbildungen führen, haben sich nicht bestätigt. Damals wurde spekuliert: Würde im Labor eine neue Form Mensch entstehen?

Offenbar nicht. In den vergangenen 30 Jahren sind Millionen Kinder durch künstliche Befruchtung gezeugt worden – Schätzungen zufolge allein in Deutschland 300 000. Dennoch kommen hierzulande nur knapp zwei Prozent der jährlich 690000 Babys durch In-vitro-Fertilisation, also Reagenzglasbefruchtung, zustande. „In noch mal 30 Jahren werden es zehn Prozent sein“, schätzt Andreas Tandler-Schneider vom Fertility Center Berlin. Fast 100000 deutsche Retortenbabys könnten jedes Jahr zur Welt kommen.

Das Wissenschaftsjournal „Nature“ hat in seiner aktuellen Ausgabe renommierte Reproduktionsmediziner befragt, wo die Forschung 2038 stehen wird. Der Biologe Davor Solter, der in Singapur forscht, hält es für möglich, dass Menschen künftig in jedem Alter Nachwuchs haben könnten, auch Kinder und Greise, denn Spermien und Eizellen könnten aus normalen Körperzellen gewonnen werden, die zuvor zu einer Art embryonaler Stammzellen zurückprogrammiert würden. Für sie müsste sich nur eine Leihmutter finden lassen, die die Kinder austrägt – das ist in Deutschland bisher durch das Embryonenschutzgesetz verboten.

Doch in 30 Jahren könnten Embryos vielleicht sogar ganz außerhalb des Mutterleibes aufwachsen, sagt der Genetiker Solter: Die Föten verblieben bis zur „Geburt“ in einem Fruchtwassergefäß, die Nabelschnur könne an eine Maschine angeschlossen werden. Unklar sei nur, ob vielleicht der natürliche Mutterkuchen für das Wachsen des Fötus notwendig bleibe, schränkt der Biologe ein. Genetische Fehler, so weit zumindest die Erwartungen der Forscherzunft, könnten in 30 Jahren noch im Embryostadium korrigiert werden. Weniger Neugeborene werden mit Fehlbildungen zur Welt kommen, glauben Genetiker. Bald werde „jede Information über jedes Gen“ bei Retortenbabys zugänglich sein, sagt die US-Forscherin Susannah Baruch von der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore.

Ob Eltern diese Codes nützen, ist jedoch fraglich: „Kein einzelnes Gen steht für blondes Haar oder Schlankheit“, erklärt die Forscherin. Ein Mensch habe zu viele Gene, die etwa mit der Körpergröße in Verbindung stünden. Veränderungen am genetischen Bauplan seien auch in 30 Jahren nur begrenzt möglich. „Designer-Babys“ erwarten die Forscher nicht, das „perfekte Kind“ wird es wahrscheinlich auch 2038 nicht geben.

Glücklich machen dürfte unfreiwillig kinderlose Paare eine andere Prognose: Noch kostet eine künstliche Befruchtung insgesamt mehrere tausend Euro, doch schwanger sind nach dem ersten Versuch gerade 30 Prozent der Frauen. Die gesetzlichen Krankenkassen finanzieren aber nur drei Versuche zur Hälfte – und auch die nur bei verheirateten Frauen zwischen 25 und 40 Jahren. Viele Frauen brechen die Behandlung nach zwei, drei Versuchen deshalb aus finanziellen Gründen ab. „Eine kostengünstige Befruchtung“, sieht Alan Trounson, australischer Pionier der Reagenzglasbefruchtung, für die nächsten Jahre voraus: 2038 könnten Schwangerschaften schon für umgerechnet 70 Euro zu haben sein.

„Unwahrscheinlich“, sagt dagegen Tandler-Schneider. Neue Qualitätsstandards wie die EU-Geweberichtlinie würden die Kosten steigern. Dennoch: Der Trend gehe zu höheren Erfolgsraten und weniger Fehlversuchen, sagen Forscher. Laborbefruchtung müsse künftig also nicht so teuer bleiben, wie sie derzeit ist.

Ob 2038 Retortenbabys die Regel und durch Sex gezeugte Kinder die Ausnahme sind? Susannah Baruch ist skeptisch: „Der altmodische Weg ist billiger und macht mehr Spaß – und das wird sich in 30 Jahren nicht ändern.“ Louise Brown ist seit 2003 selbst Mutter – ihre zwei Kinder sind ganz traditionell durch Sex mit ihrem Mann gezeugt worden.

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