• „Kürzeres Studium durch kleinere Lerngruppen“ Die TU Berlin investiert zehn Millionen Euro,

Wissen : „Kürzeres Studium durch kleinere Lerngruppen“ Die TU Berlin investiert zehn Millionen Euro,

um Studienbedingungen und Lehre zu verbessern

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Herr Steinbach, die Forschung an den Universitäten hat mit der Exzellenzinitiative von Bund und Ländern einen enormen Schub bekommen. Darüber darf man aber Lehre und Studium nicht vergessen.

Genau deshalb haben wir an der TU Berlin unseren eigenen Wettbewerb für die Lehre gestartet. Mit dem Programm „Offensive Wissen durch Lernen“ investieren wir zehn Millionen Euro in die Verbesserung der Studienbedingungen und in eine Erneuerung der Lehre.

Warum dieses Programm zu dieser Zeit?

Einerseits befinden wir uns mitten in einem großen Reformprozess – alle Studiengänge werden wir bis zum Wintersemester 2007 auf die neuen Abschlüsse Bachelor und Master umstellen. Wir kleben nicht nur ein neues Etikett auf eine alte Verpackung, sondern gestalten neue Studiengänge und Inhalte. Die Einführung von Bachelor und Master nehmen wir zum Anlass, auch die Lehrbedingungen zu verändern und den Studierenden eine intensivere Betreuung zu bieten. Andererseits misst das Land Berlin der Lehre eine besondere Bedeutung bei.

Was heißt das genau?

Die finanziellen Zuwendungen des Landes Berlin für die TU Berlin erhalten wir auf der Grundlage der Hochschulverträge. Ein bestimmter Teil des Geldes, bis zum Jahr 2009 etwa 30 Prozent, ist an die Erbringung besonderer Leistungen im Vergleich der drei Universitäten gekoppelt. Das sind etwa Leistungen in der Lehre, zum Beispiel kurze Studienzeiten, aber auch in der Forschung und in der Gleichstellung. Ist eine Universität in der Lehre weniger erfolgreich als die beiden anderen Berliner Universitäten, muss sie an die erfolgreichere Universität Geld abgeben. Wir wollen natürlich so stark sein, dass wir Geld bekommen. Dazu bedarf es besonderer Anstrengungen in Lehre und Studium.

Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?

Das Einhalten der Regelstudienzeit ist ein wichtiger Faktor, der in die vergleichende Betrachtung der drei Universitäten einfließt. In den letzten vier Jahren haben sich unsere Studienzeiten sichtbar verkürzt, durchschnittlich um eineinhalb Semester. Bundesweit war es nur rund ein halbes Semester. Ein markantes Beispiel: Beendeten unsere Elektrotechniker im Jahr 1999 ihr Studium erst nach rund 20 Semestern, erreichen sie nun bereits nach 13 Semestern ihren Abschluss. Das ist immer noch zu lang, aber wir sind offensichtlich auf dem richtigen Weg. Das wird sich in der Mittelzuweisung des Landes positiv für uns bemerkbar machen.

Wie kommt es zu dieser Verkürzung der Studienzeiten?

Wir haben die meisten unserer Studiengänge intern und extern evaluieren lassen. Damit bekamen wir Informationen darüber, wo unsere Schwachstellen liegen. In den Ingenieurwissenschaften führen hohe Durchfallquoten in den Basisfächern, etwa Mathematik und Mechanik, zu langen Studienzeiten. An diesem Punkt setzten wir an. Wir bildeten kleinere Lerngruppen, die auch eine kontinuierliche Lernkontrolle ermöglichten. Das hat sich signifikant bemerkbar gemacht. Als Ergebnis kann man sagen, dass der entscheidende Schlüssel zu kürzeren Studienzeiten in den kleineren Studentengruppen liegt.

Wie wollen Sie diese Erfahrung auch in anderen Fächern umsetzen?

Hier soll unser Zehn-Millionen-Programm greifen. Knapp eine Million Euro fließt in zusätzliche Betreuungskapazitäten, das heißt in Tutorenstellen, um die Kleingruppenarbeit auszubauen. Wir investieren aber auch 1,5 Millionen Euro in die bessere Ausstattung von Praktika. Unsere Studenten sollen an modernen Geräten lernen. Rund 800 000 Euro kommen Multimedia und E-Learning zu gute, etwa 411 000 Euro gehen in neue Studienprojekte. Wichtig ist, dass die neuen Projekte in der Lehre keine Eintagsfliegen sind, sondern später in den Regelbetrieb der Lehre übernommen werden. In der ersten Runde haben wir die zehn Millionen Euro noch nicht ausgeschöpft. Eine weitere Summe halten wir für eine zweite Ausschreibung im Herbst 2006 bereit. Auch hier können Dozenten und Studenten wieder Förderanträge stellen.

Kommen wir nun zu den Studieninhalten: Wie wollen Sie die Qualität der neuen Studiengänge sicherstellen?

Wir denken an ein neues Gütesiegel. Es reicht uns nicht, nur die Inhalte der neuen Studiengänge zu definieren, wir müssen auch die Qualität im Auge behalten. Mit der aktuellen Praxis der Akkreditierung von Studiengängen kommen wir nicht weit genug. Sie hat lediglich die Funktion eines TÜV. Er sagt zwar etwas über die Betriebsfähigkeit des Produkts, aber nur wenig über seine Qualität aus.

Was kann man sich darunter vorstellen?

Die Studieninhalte, etwa methodisches Grundwissen und Sozialkompetenzen, müssen in einer gut durchdachten zeitlichen Reihenfolge im Studium vermittelt und geprüft werden. Wir müssen auch sagen können, welche Kompetenzziele wir mit einem Studienangebot verfolgen, damit die Studierenden, aber auch externe Personen, ein Bewertungssystem an die Hand bekommen. Anders gesagt: Wir müssen weg von einer Programmakkreditierung, die lediglich das Vorhandensein von Inhalten prüft, hin zu einer Prozessakkreditierung, die die Qualität beurteilt. Darüber hinaus wollen wir sicherstellen, dass unsere Studiengänge zum Profil einer technischen Universität passen, auch in Abgrenzung zur Ausbildung an einer Fachhochschule.

Welche Schritte sind für die praktische Umsetzung notwendig?

Vorbild ist für uns das Qualitätssicherungssystem der niederländischen Universitäten. In den kommenden Wochen werden wir es intensiv analysieren und für uns herausfinden, was wir davon übernehmen können. Für dieses Projekt hat die TU Berlin in dem Konsortium „TU 9“, in dem die neun großen deutschen technischen Universitäten zusammengeschlossen sind, die Projektführerschaft übernommen. Unser Ziel ist es, ein derartiges Qualitätssicherungssystem bereits zu nutzen, während andere Hochschulen noch über solche Ideen diskutieren.

Das Gespräch führten Stefanie Terp und Kristina R. Zerges.

Jörg Steinbach (49) ist Vizepräsident für Lehre an der TU Berlin. Er ist Experte für Qualitätssicherung und gehört zur Leitung der Europäischen Gesellschaft für die

Ingenieur-Ausbildung.

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