Kürzungen an Hollands Unis : Sprachlos in Amsterdam

Einheits-Bachelor für die Niederlande: An holländischen Universitäten sollen etliche Philologien zu einem Fach zusammengelegt werden. Studierende protestieren.

Josta van Bockxmeer
Bedrohtes Wissen. Im Frühjahr besetzten Studierende das Rektoratsgebäude der Uni Amsterdam.
Bedrohtes Wissen. Im Frühjahr besetzten Studierende das Rektoratsgebäude der Uni Amsterdam.Foto: imago/Richard Wareham

An der Universität von Amsterdam (UvA) soll man künftig nicht mehr Germanistik, Arabisch oder Italienisch studieren können, sondern nur noch „Sprachen, Kulturen und Regionalstudien“. Dahinter steckt mehr als ein Namenswechsel: Nach den Protesten gegen einen Liberal-Arts-Bachelor für die geisteswissenschaftlichen Studiengänge, die Anfang des Jahres zur Besetzung zweier Universitätsgebäude führten, präsentierte die Fakultät jetzt einen neuen Reformvorschlag. Mit den herkömmlichen philologischen Studiengängen könnte demnach bald Schluss sein.

Acht Millionen Euro muss die UvA einsparen

Der Vorschlag stammt von einer der elf Arbeitsgruppen, die nach der Besetzung gegründet wurden, um eine neue Struktur für die geisteswissenschaftliche Fakultät zu erarbeiten. Grund für die Reformen ist eine Kürzungswelle: Bis 2018 muss die Fakultät unter anderem aufgrund sinkender Studierendenzahlen acht Millionen Euro einsparen, mehr als ein Zehntel des Budgets. Da die niederländischen Universitäten pro Studienanfänger und -abschluss einen bestimmten Betrag vom Bildungsministerium erhalten, bedeuten weniger Studierende auch weniger Geld. Das ist in den Geisteswissenschaften besonders schmerzhaft, da die Fakultät aus vielen kleinen Fächern besteht, von denen einige zu verschwinden drohen.

Um das zu verhindern, sollen die Sprachen in einem übergreifenden Studiengang aufgehen, innerhalb dessen die Studierenden sich spezialisieren können. „Wir wollen in Expertisen denken, und nicht in traditionellen Studiengängen“, sagt Frank van Vree, der Dekan der Fakultät. So sollen sowohl Arabisch als auch Hebräisch in einer Spezialisierung zu „Sprachen und Kulturen des mittleren Ostens“ einen Platz finden. Für Deutsch, Italienisch, Spanisch und die skandinavischen Sprachen soll jeweils eine neue Spezialisierung entstehen, die nicht mehr nur auf Sprache und Literatur, sondern auch politisch, geschichtlich und kulturell ausgerichtet ist. Die ersten Lehrpläne sollen schon diesen Monat ausgearbeitet werden, da im Oktober die Anwerbung von Studierenden für das akademische Jahr 2016/2017 anfängt.

Studierende in Amsterdam kritisieren den Vorschlag

Der Vorschlag stößt auf Kritik von Studierendenvertretern. „Der Plan ist dem abgelehnten ,Profil 2016’ zu ähnlich“, sagte Joris van der Wouden von der „Humanities Rally“. Das „Profil 2016“ war der erste, umstrittene Vorschlag, den van Vree im November 2014 präsentierte und der zwei Szenarien für die Umstrukturierung der Fakultät enthielt. Das weitgehendste sah ein einheitliches Studienprogramm für alle geisteswissenschaftlichen Fächer vor. „Der jetzige Plan ist dem eines Liberal-Arts-College ähnlich, aber nur für die Sprachen“, sagt van der Wouden.

Die Gegner eines einheitlichen Bachelors befürchten einen Verlust an Fachwissen. „Im Moment passt ein Liberal-Arts-Bachelor besser zum Arbeitsmarkt“, sagt Julia van Rosmalen von Humanities Rally. Auch sei für eine solche Umstrukturierung eher mehr Geld nötig als weniger. „Wir wollen auch reformieren, aber nicht aus finanziellen Gründen. Wir wollen reformieren, wenn es die Lehre verbessert“, sagt van Rosmalen.

Das „Profil 2016“ war im Sommersemester der Auftakt für die Proteste an der UvA gewesen. Eine Petition gegen den Vorschlag wurde innerhalb von vier Tagen fünftausend Mal unterzeichnet. Van Vree zog den Plan zurück, aber für eine Beruhigung der Proteste war es zu spät: Die Unruhe in den Geisteswissenschaften führte zu einer breiten Diskussion über die Missstände an der UvA. Die Forderungen reichten von flacheren Managementstrukturen über eine bessere Qualität der Lehre bis hin zu langfristigen Verträgen für Nachwuchswissenschaftler.

Die Uni Amsterdam wird besetzt

Anfang Februar besetzte Humanities Rally zusammen mit der Gruppe „De Nieuwe Universiteit“ (Die Neue Universität) das Bungehuis, ein Gebäude, das viele der kleinen Sprachstudiengänge beherbergt. Als die Polizei das Gebäude elf Tage später räumte, tauschten die Besetzer es noch am selben Tag gegen das Verwaltungsgebäude, das „Maagdenhuis“, ein. Anderthalb Monate lang lagen Matratzen im Zimmer der Präsidentin, gab es eine Volksküche und Besuche von namhaften Rednern wie Bruno Latour.

Am 11. April ließ die Universitätsleitung das Gebäude gewaltsam räumen. Bilder von Polizisten, die auf Besetzer einschlugen und von weinenden Studierenden schockierten die Öffentlichkeit. Die ehemalige UvA-Präsidentin Louise Gunning legte daraufhin ihren Posten nieder.

Manche Sprachen kann man gar nicht mehr in den Niederlanden studieren

Die Reformen, die in Amsterdam zu so heftigen Ausschreitungen geführt haben, ähneln denen an anderen niederländischen Universitäten, wo sie aber ohne nennenswerte Gegenwehr der Studierenden und der Professorenschaft umgesetzt wurden. Die Universität Groningen hat kleine Sprachstudiengänge zu einem Bachelor „Europäische Sprachen und Kulturen“ zusammengelegt. In Leiden gibt es neben den kleinen Sprachstudien jetzt einen Bachelor in „International Studies“. Finnisch, Ungarisch oder Portugiesische Literatur kann man in den Niederlanden gar nicht mehr studieren.

In Amsterdam sieht Dekan Van Vree keine Alternative zur Zusammenlegung der Fächer, wehrt sich aber gegen die Budgetkürzungen, die den niederländischen Universitäten auferlegt werden. Zwischen den Jahren 2000 und 2014 habe die Finanzierung pro Studierendem um vierzig Prozent abgenommen. Noch seien die Hochschulen leistungsfähig, auch im internationalen Vergleich. „Doch die Niederlande drohen in zehn bis 15 Jahren von Ländern überholt zu werden, die mehr in Bildung investieren.“

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