Wissen : Kultur beginnt auf der Straße

Jugendliche sollen musisch-ästhetisch besser gebildet werden. Das wirkt sich positiv auf Schulleistungen in Kernfächern aus.

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Kiezkapelle. Schüler der Kreuzberger Fichtelgebirge-Grundschule proben für den Karneval der Kulturen. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Kiezkapelle. Schüler der Kreuzberger Fichtelgebirge-Grundschule proben für den Karneval der Kulturen. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Schule ist mehr als Pisa. Denn die internationalen Schulleistungstests der OECD beschränken sich auf Hauptfächer wie die Lesefähigkeit in der Muttersprache und der ersten Fremdsprache, auf Mathematik und Naturwissenschaften. Vor diesem Hintergrund warnen die Autoren des gerade veröffentlichten Berichts „Bildung in Deutschland 2012“ davor, sich allein auf die Kernfächer zu konzentrieren und der Kultur und der musisch-ästhetischen Bildung nur „eine nachrangige Bedeutung zuzuweisen“. Die musische Erziehung wurde jetzt erstmals in den Nationalen Bildungsbericht aufgenommen.

Nach wie vor besteht in Schulen und Kindergärten ein Mangel an Lehrkräften, die für Musizieren, Werken und Gestalten speziell ausgebildet worden sind. Man erwartet an den Grundschulen von der Klassenlehrerin, dass sie alle Fächer unterrichten kann, selbst wenn sie nur in zwei oder drei Fächern den Stoff vertieft beherrscht.

Im Bildungsbericht werden hehre Formulierungen benutzt: Das kulturelle Erbe soll weitergetragen werden. Durch den Unterricht sollen „Individuen zu einem selbstbestimmten Leben, zur Entdeckung und Entfaltung ihrer expressiven Bedürfnisse sowie zur aktiven Teilnahme an Kultur“ befähigt werden. Tatsächlich zeigt der Nationale Bildungsbericht, dass 90 Prozent der 9- bis 13-Jährigen „kulturell aktiv“ sind.

Doch kulturelle beziehungsweise musisch-ästhetische Bildung kann man nicht auf die Hochkultur von Opern und Theatern oder philharmonischen Konzerten reduzieren. Das betonten Experten um den Sprecher der Autorengruppe, Horst Weishaupt, jetzt bei einer Tagung zum Bildungsbericht in Berlin. Man müsse vielmehr Jugendliche dort abholen, wo sie besonders interessiert seien: bei Breakdance, Streetart, Happenings, Gestaltung am Computer, Akrobatik, Tanz oder Poetry-Slam. Erst dann könnten auch klassische Kulturangebote wie Theater, Konzert, Oper und Museen einbezogen werden, sagten Eckhart Liebau (Erlangen-Nürnberg) und Susanne Keuchel (Sankt Augustin).

Horst Weishaupt (Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung, Frankfurt am Main) ist überzeugt, dass sich die Kreativität, die musisch-ästhetische Fächer anregen, positiv auf die Kernfächer auswirkt. Unterricht und AGs in Kindergärten und Schulen geben, anders als Musikschulen und andere private Angebote, allen Kindern und Jugendlichen die Chance, musische Erfahrungen zu sammeln. Deswegen sollte der verpflichtende Ganztagsunterricht an Schulen ausgeweitet werden, sagte Weishaupt. Diese könnten dann mit Musikschulen und anderen Kultureinrichtungen kooperieren.

Doch wie kommen mehr Kulturlehrer in die Schulen? Es wäre unrealistisch, vom Klassenlehrerprinzip an den Grundschulen abzuweichen. Deshalb werde im Bundesbildungsministerium über eine Weiterbildungsinitiative für Lehrer in der kulturellen und musisch-ästhetischen Bildung nachgedacht, kündigte Ministeriumsvertreter Thomas Greiner an. Der Staatssekretär im brandenburgischen Schulministerium, Burkhard Jungkamp, schlug als Vertreter der Kultusministerkonferenz vor, insbesondere Quereinsteigern von den Kunsthochschulen eine pädagogische Fundierung zu bieten.

Zu den vorbildlichen Initiativen, die Jugendliche für den musisch-ästhetischen Bereich begeistern, gehört das Hamburger Modell. Dort ist der Theaterunterricht als Schulfach eingeführt worden. Horst Weishaupt wünscht sich, Bildungsstandards für die musischen Fächer, ähnlich wie in den Kernfächern. Erst dann würden Bildungserfolge auch in diesem Bereich vergleichbar. Uwe Schlicht

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