Kunstdatenbank : Antike für alle

„Römisches Portfolio“: Eine Berliner Datenbank zeigt, wie die Renaissance alte Kunst rezipiert hat.

Bettina Mittelstraß

Es heißt, er habe den schönsten Männerrücken, den je ein antiker Bildhauer aus Marmor gemeißelt hat, der Torso Belvedere in den vatikanischen Museen. Nackt, auffallend muskulös, leicht nach vorne gebeugt wie nach einer großen Anstrengung sitzt nur ein Rumpf auf einem Stein, aber wer ihn ansieht, fühlt eine seltsame Verzückung. Man möchte den Stein berühren in der bizarren Erwartung, er sei warm.

Das meisterhaft gearbeitete Fragment antiker Bildhauerkunst beflügelt die Fantasie seiner Bewunderer seit rund 500 Jahren. Heute tausendfach von Romtouristen fotografiert, wurde der Torso im Belvedere zur Zeit der Renaissance vermutlich schon hundertfach von Künstlern gezeichnet. In großer Zahl gingen die jungen Leute in Rom zeichnen, berichtet der Biograf des holländischen Kupferstechers Hendrick Goltzius, der sich 1591 in Rom aufhielt, um die vorbildhafte antike Kunst und Architektur zu studieren.

Goltzius’ „Römisches Portfolio“ mit 43 großformatigen Antikenzeichnungen befindet sich heute im Teylers Museum in Haarlem. Andere Skizzenbücher sind in Sammlungen in Berlin, London oder New York verteilt. Aber so weit muss man nicht reisen, will man die Bilder sehen. Rund 16 000 Zeichnungen, Skizzen und Stiche antiker Monumente von zahlreichen bekannten und unbekannten Renaissancekünstlern lassen sich seit kurzem online ansehen. Sie befinden sich als Datensätze in der Dokumentations- und Forschungsdatenbank „Census of Antique Works of Art an Architecture Known in the Renaissance“, kurz Census genannt, die ihren Sitz an der Humboldt-Universität hat, unter der Leitung des Kunsthistorikers Arnold Nesselrat. Der neue öffentliche Auftritt des Census wird finanziell und technisch von der Berlin-Brandenburgischen Akademie unterstützt, die seit 2003 den Open Access, die zugangsfreie Bereitstellung forschungsrelevanter Daten im Internet vorantreibt.

Die Census-Datenbank liefert derzeit den Nachweis über rund 6500 in der Renaissance bekannte antike Monumente. Berücksichtigt man Detailansichten von Säulen oder anderen architektonischen Bausteinen, verweisen 28 000 Bild- und Schriftquellen auf etwa 12 000 Monumente. Die insgesamt 200 000 untereinander verlinkten Einträge geben darüber hinaus Auskunft über Fundorte, Personen, Zeit- und Stilbegriffe, Ereignisse und Forschungsliteratur. Der einfachste Einstieg in die Datenbank gelingt über die Namen antiker Monumente.

Es war eine selbstkritische Überlegung, die vor 60 Jahren dazu führte, dass man am Kulturwissenschaftlichen Warburg Institute in London und am Institute of Fine Arts in New York mit der systematischen Erfassung von Bild- und Textquellen über die Kenntnis antiker Monumente in der Renaissance begann. Die Renaissanceforschung der 30er Jahre steckte in einer Sackgasse, da man in der zentralen Frage nach der Antikenrezeption ohne intensive Grundlagenforschung nicht weiterkam. Was fehlte, waren aufgearbeitete Quellen, die belegen konnten, welche Künstler was aus eigener Anschauung von antiker Kunst und Architektur gewusst und in ihrer Malerei verwertet hatten. Also recherchierte, sammelte und dokumentierte man seit 1947 Skizzenbücher, Reiseberichte oder Künstlerviten aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Heute kann das umfangreiche Datenmaterial des Census weit mehr Fragen beantworten als die nach dem Nachleben der Antike in der Kunst der Renaissance.

Wie sah das antike Rom aus? Wo stand was? Die Dokumentation der Fundorte einzelner Skulpturen oder antiker Architektur, die inzwischen zerfallen, verschleppt, verloren oder verbaut ist, bedeutet für Archäologen eine Hilfe bei der Rekonstruktion der ewigen Stadt. Auch kann das Census-Material für die Identifizierung oder Wiederherstellung antiker Statuen herangezogen werden, denn der Vergleich der Quellen erlaubt Einsichten über Fehlinterpretationen oder frühe Restaurationen. Angeschlagene Figuren waren in der Renaissance willkommenes Arbeitsmaterial, dem Arme, Köpfe, Beine frei nach künstlerischem Gutdünken wieder angesetzt wurden. Dass der Torso Belvedere heute noch als Fragment erhalten ist, ist vermutlich seinem größten Bewunderer Michelangelo zu verdanken, der sich Zeit seines Lebens weigerte, den Körper wiederherzustellen.

Auch für Historiker lohnt sich der Blick in die Datenbank. So lässt sie erkennen, dass sich der Kanon antiker Highlights im modernen Romtourismus bereits in der frühen Renaissance etablierte. Der Torso und der Apoll vom Belvedere, die Laocoon-Gruppe oder der Herkules aus dem Palazzo Farnese, der Titusbogen oder das Colosseum waren im 15. und 16. Jahrhundert auch nördlich der Alpen schon berühmt.

Die Census-Datenbank ist weder inhaltlich noch technisch ein abgeschlossenes Unternehmen. Die Erschließung der Renaissancedokumente schreitet weiter voran, bietet immer neues Material für Magister- und Promotionsarbeiten. Gespannt ist man in der Arbeitsstelle des Census allerdings schon, ob und wie sich der erstmals öffentliche Zugriff auf die Datenbank auswirken wird. Der Umgang mit den Bild- und Schriftdatensätzen darf und soll kreativ sein, und sei es auch nur, dass er die Reiselust nach Rom befördert. Hendrick Goltzius übrigens, so schreibt sein Biograf, rettete die Reise zum Standort des Torso Belvedere nicht nur die Kunst, sondern auch das Leben, weil sie ihn von der Schwermut befreite.

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