Kunstgeschichte : Auf den Spuren eines Lächelns

Wen stellt die Mona Lisa dar – eine Geliebte, eine Kaufmannsgattin oder den Künstler selbst? Ein Forscher hofft jetzt den Schädel Leonardos zu heben um zu zeigen, dass Mona Lisa ein Selbstbildnis ist.

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Teetassenwurf auf Mona Lisa
Geheimnisvolles Gemälde. Über den Ursprung der Mona Lisa von Leonardo da Vinci rätseln Kunsthistoriker seit Jahrhunderten.Foto: dpa

Vor Silvano Vinceti ist niemand sicher – auch nicht, wenn er 500 Jahre tot ist. Der Forensiker des italienischen Nationalkomitees für das historische und kulturelle Erbe sucht nach den Gebeinen des Barockmalers Caravaggio und hat dem Nationaldichter Dante ein Gesicht gegeben. Jetzt will er die Gebeine Leonardo da Vincis ausgraben. Er hofft damit seine Vermutung beweisen zu können, dass Mona Lisa ein verschleiertes Selbstbildnis des Universalgenies ist.

Der größte Künstler der Renaissance malte das weltbekannte Bildnis einer abgründig lächelnden Frau in einer Zeit, in der politischer Mord an der Tagesordnung und gekaufte Papstthrone die Regel waren, die aber zugleich Wissenschaft, Kultur und Kunst explodieren ließ. Leonardo da Vinci – der sich auch als Erster wissenschaftlich mit der menschlichen Anatomie beschäftigte und darüber nachsann, wie der Mensch wohl fliegen könnte – ist für sich genommen schon eine Herausforderung für Wissenschaft und Kulturgeschichte. Und seine Mona Lisa, unter dem Titel „La Gioconda“ zum universalen Gemälde schlechthin avanciert, beschäftigt die Kunstgeschichte seit Jahrhunderten.

Kann die Frau eines im Seidenhandel reich geworden Kaufmanns namens Giocondo wirklich das Vorbild dafür sein? Selbst zunächst abwegig erscheinende Deutungen werden inzwischen für wahrscheinlicher gehalten. Die Vermutung, Leonardo habe sich bei dem Gemälde einen spitzbübischen Spaß erlaubt und sich selbst dargestellt, wurde bereits öfters geäußert: Das gipfelte im digitalen Übereinanderkopieren von Mona Lisa und da Vincis bärtigem Selbstporträt. Auch die These von einem androgynen homoerotischen Geliebten des Künstlers wurde diskutiert.

Den Namen Mona Lisa und damit die These der Kaufmannsfrau brachte der Künstlerbiograf Giorgio Vasari 1550 ins Spiel. Er berichtet: „Von  (dem Seidenhändler) Francesco del Giocondo übernahm Leonardo den Auftrag für das Porträt seiner Frau Mona Lisa. Er mühte sich vier Jahre mit diesem Werk und ließ es dann unvollendet.“ Dies Darstellung war lange Zeit die Bibel der Kunstgeschichte.

Allerdings gilt sie heutigen Wissenschaftlern als nicht sehr zuverlässig. Einige wollten in der geheimnisvollen Schönen denn auch eher eine Mätresse von Leonardos Sponsor Giuliano de’ Medici sehen. Die Medici, ebenso kunstsinnige Mäzenaten wie skrupellose Politiker in Florenz, besetzten mehrfach hohe vatikanische Positionen bis hin zum Papst. Da von Giuliano de’ Medici zahlreiche Geliebte namentlich bekannt sind, kamen mehrere Damen ins Gerede.

Die Vermutung, die Mona Lisa stelle eine Geliebte de’ Medicis dar, stützt der italienische Renaissanceforscher Roberto Zapperi in seinem gerade erschienenen Buch „Das Geheimnis der Mona Lisa: Das berühmteste Gemälde der Welt wird enträtselt“. Und er weiß auch genau, auf welcher Liaison das Bild fußte: Die einzige Geliebte, die dem Genussmenschen Guiliano de’ Medici etwas bedeutet habe, so der Forscher, sei Pacificia Brandani gewesen. Sie gebar den Knaben Ippolito. Den erkannte Giuliano als Sohn an und ließ ihn fürstlich erziehen. Ippolito, das einzige Kind Giulianos, fragte hartnäckig nach seiner früh verstorbenen Mutter.

„Aus diesem Grund beauftragte Giuliano Leonardo, der bei ihm fest angestellt war, dem Jungen eine Mutter im Bild zu geben – da es keine reale Mutter mehr gab“, sagte Zapperi unlängst in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. „Giuliano ließ Leonardo wie immer freie Hand. Er durfte die Mutterfigur seiner Fantasie malen.“ Mithin das „Idealporträt einer Mutter“ – La Gioconda, die Tröstende. „La Gioconda“ war im 16. Jahrhundert ein Gattungsbegriff der Kunst und kein Individualname und hat, so Zapperi, nichts mit dem ähnlichen Namen des Seidenhändlers Giocondo zu tun. Dessen Frau habe Leonardo zwar tatsächlich gemalt, als er einmal Geld brauchte. Was aus dem Porträt geworden sei, wisse er nicht, im Louvre jedenfalls hänge dieses nicht.

Leonardo behielt nach dieser Darstellung das Halbfabrikat der Gioconda, weil der Auftraggeber, Guiliano, vor Fertigstellung des Bildes starb und der Adressat, Ippolito, noch zu klein war. Er nahm es mit nach Frankreich, wo er als „Staatsmaler“ an den Hof des Königs Franz I. berufen wurde. Drei Jahre waren Leonardo noch in Frankreich vergönnt, 1519 starb er mit 67 Jahren und wurde in Saint Florentine beigesetzt. Die Palastkirche wurde in der Französischen Revolution zerstört. Knochen, von denen man annahm, sie gehörten zu Leonardo, wurden in der benachbarten Saint-Hubert-Kapelle neu beerdigt.

Dort nun will der Forensiker Silvano Vinceti fündig werden. Mit Miniaturkamera und Bodenradar soll das vermeintliche Leonardo-Grab ausgespäht werden. Sollten sich dabei Knochen ausfindig machen lassen, möchte der italienische Forscher die Grablege in Frankreich ausgraben. Radiokarbon-Analysen und DNA-Untersuchungen sollen klären, ob es sich tatsächlich um die Überreste des Universalkünstlers handelt. Die französischen Behörden haben sich noch nicht zu dem Vorhaben geäußert.

Zudem weiß Vinceti nicht, ob Nachkommen von Leonardo oder zumindest Gräber naher Verwandter zu finden sind. Aber, so gibt er sich optimistisch, im Notfall reichen für einen DNA-Abgleich auch winzige Spuren, etwa von Speichel oder Hautpartikeln, auf Leonardo-Gemälden aus. So könnte zumindest geklärt werden, ob in dem Grab tatsächlich Leonardos Gebeine liegen. Unter Umständen können die Wissenschaftler auch ergründen, woran er starb.

Insgeheim aber hofft die Forschergruppe von den Universitäten Bologna und Ravenna auf einen noch intakten Schädel – mit einem Computerscan könnten die Anthropologen das Gesicht plastisch rekonstruieren. Dann folgt der Showdown Computerbild gegen Leonardo-Gemälde: Wer schaut uns an – die Gattin eines reich gewordenen Seidenhändlers, eine tröstende Mutter oder ein spitzbübischer Leonardo?

Und Mona Lisa lächelt leise.

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