Lange Nacht der Wissenschaften : Blitzmaschinen und Glücksforscher

Experimente für alle: Hochschulen und Institute in Berlin und Brandenburg öffnen ihre Türen zur Langen Nacht der Wissenschaften.

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Erklär’ mir die Welt in einer Nacht: Am morgigen Samstag öffnen die Forscherinnen und Forscher der Berliner Wissenschaftseinrichtungen erneut ihre Türen. Sie präsentieren während der Langen Nacht der Wissenschaften ihre Arbeit – und laden ihre Besucher ein, mitzumachen und für einen Abend selbst in die Welt der Forschung einzutauchen. Ob Germanistik oder Geschichte, Nanotechnologie oder Klimaforschung: Die neuesten Erkenntnisse aus jedem erdenklichen Fach werden präsentiert.

Keine Stadt in Deutschland hat eine so vielfältige Wissenschaftslandschaft wie Berlin, und die Lange Nacht gleicht einer großen Leistungsschau: 67 Universitäten, Fachhochschulen, außeruniversitäre Institute und auch forschende Unternehmen stellen sich vor. Einige Institutionen sind zum ersten Mal dabei: Wie etwa die Universität Potsdam, die viertgrößte Uni der Region. Über 2000 Einzelveranstaltungen stehen auf dem Programm, viele sind extra für Kinder und Jugendliche konzipiert. Abiturienten können sich an den meisten Hochschulen auch über das Studienangebot informieren.

Feierlich eröffnet wird die Lange Nacht der Wissenschaften an der Beuth-Hochschule – wie die Technische Fachhochschule in Wedding jetzt heißt – von Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner und Präsident Reinhard Thümer. Tipps für die sieben großen Wissenschaftsstandorte der Stadt haben wir hier zusammengestellt. Wir wünschen frohes Entdecken und Forschen! Tilmann Warnecke

Adlershof (Route 1)

Hunderte Flugzeuge ziehen heute jeden Tag über den Himmel Berlins, aber kaum einer nimmt davon Notiz. Dabei ist es noch nicht lange her, dass der Mensch den Luftraum eroberte. Auf dem Flugfeld Johannisthal im Südosten Berlins gab es 1909 die ersten Flugschauen, bald wurde die Gegend des heutigen Wissenschaftsparks Adlershof zum Zentrum der Aviatiker. Unter dem Titel „100 Jahre deutscher Motorflug“ werden auf dem Stadtplatz Forum Adlershof (Rudower Chaussee/Newtonstraße) historische und moderne Flugmodelle präsentiert. Kinder und Erwachsene können echte und virtuelle Cockpits besteigen und sich über verschiedene Antriebstechniken informieren. Ein paar Meter weiter an der Ecke Rudower Chaussee/Wegedornstraße zeigt das Kompetenzzentrum Wasser, wie das Abwasser der Stadt in dem 9400 Kilometer langen Netz dirigiert wird, um es schnell zu den Klärwerken zu bringen. Vor allem bei starkem Regen ist das eine komplizierte Knobelaufgabe, die ziemlich viel Mathematik erfordert. Den Einblick in die Unterwelt gibt es im Abwasserpumpwerk der Berliner Wasserbetriebe. Am Ferdinand-Braun-Institut für Höchstfrequenztechnik (Gustav-Kirchhoff-Straße 4) kann man die „Werkstatt“ für Mikrochips besuchen, einen Reinraum. Wem das Anlegen der Schutzkleidung zu umständlich ist, kann derweil von den Ingenieuren die elektromagnetische Strahlung seines Handys prüfen lassen, um festzustellen, ob es den Grenzwert tatsächlich erfüllt.

Buch (Route 7)

Auf dem Campus Buch werden Besucher zu einer halbstündigen Rundfahrt mit Führung von einem Kremser erwartet (Hauptachse an der Robert-Rössle-Straße, von 15 Uhr 30 bis zum Einbruch der Dunkelheit). Das Helios-Klinikum (Schwanebecker Chaussee 50) gewährt Einblicke in seine OP-Säle. Unter dem Motto „der kleine Kinderchirurg“ wird „OP-Equipment zum Anfassen“ angeboten. Auf einer „Hörtour“ des Deutschen Schwerhörigenbundes kann man sein Gehör im „Hörmobil“ testen lassen. Um 15 Uhr tritt ein CheerleaderTeam zusammen mit dem Chor der Marianne-Buggenhagen-Schule auf. Ab 16 Uhr trommeln „Kuschelbagger und Piraten“. Dixieland, Swing und Disco gibt es ab 18 Uhr. „Wir bringen Sie in Bewegung“ versprechen auch die Ergotherapeuten vom Zentrum für Frührehabilitation, die Demonstrationen und Mitmachexperimente anbieten. In der Mensa in der Robert-Rössle-Straße 10 unterrichten Mitschüler von Harry Potter Zauberkünste (45-Minuten-Aufführung mit Experimenten um 17 und 21 Uhr). Das Deutsche Rote Kreuz gipst Kinderarme ein (15 bis 20 Uhr).

Wedding/Mitte (Route 8)

Rumms! Wenn ein Blitz einschlägt, wird binnen kurzer Zeit viel Energie übertragen. Wer mehr über das physikalische Phänomen wissen möchte und „selbst gemachte“ Blitze live beobachten möchte, sollte in die Beuth-Hochschule für Technik (ehemals TFH Berlin) in der Luxemburger Straße 10 kommen. Dort gibt es mehr als 80 Technikstationen, etwa ein Wellenkraftwerk sowie eine Schau von Laserstrahlen in 16 Millionen Farben, die exakt zur Musik synchronisiert sind. Im Fraunhofer-Zentrum für Zuverlässigkeit und Mikrointegration (Gustav-Meyer-Allee 25) zeigen die Ingenieure, wie man künftig mit einem Frischescanner die Qualität von Lebensmitteln, etwa Schweinefleisch, analysieren kann. Im Museum für Naturkunde (Invalidenstraße 43) gibt es zahlreiche Führungen, vor allem hinter die Kulissen der Ausstellung. So können Besucher Präparatoren über die Schulter schauen, die Tiere lebensecht in Szene setzen.

Mitte (Route 9)

Was macht uns glücklich? Wirtschaftswissenschaftler der Humboldt-Universität zeigen dazu im Foyer vor dem Senatssaal (Hauptgebäude, Unter den Linden 6) ab 19 Uhr eine Ausstellung und diskutieren mit Besuchern. Danach vielleicht eine entspannende Tasse Tee? Sie wird im Institut für Anglistik und Amerikanistik (Südostflügel, Raum 2004 a) ausgeschenkt – als Stärkung zu 30-minütigen Lesungen englischer Literatur aus vier Jahrhunderten. Einen Ort der Ruhe, untermalt mit antiker Lyrik, bieten auch die Antikeforscher. Im Westflügel laden sie in ein „Arkadien für innen“ ein. Kinder können Bilder antiker Statuen so bunt ausmalen, wie sie tatsächlich einmal waren (Raum 2093). Wer hierzulande nicht glücklich ist, kann sich im Nordeuropa-Institut (Dorotheenstraße 24) an Infoständen und in Workshops über Politik und Gesellschaft Nordeuropas informieren. Es geht etwa um die Frage: Wie komme ich als Zahnarzt nach Schweden? Auch 20-minütige Sprachkurse in Finnisch, Dänisch und Isländisch bereiten auf die Auswanderung oder den Urlaub vor. Eine Entdeckungsreise ist auch die neue Unibibliothek in der Geschwister-Scholl-Straße 1-3 wert, die Regale sollen schon stehen. 30-minütige Führungen beginnen von 18 bis 23 Uhr zur vollen Stunde. Und im Foyer wird die umstrittene digitale Bibliothek Europeana vorgestellt.

Charlottenburg (Routen 10 A und B)

Wie klingen die Berliner Philharmoniker, wenn sie aus 2700 Lautsprechern gleichzeitig übertragen werden? Das können Klassik-Fans bei einer Live-Übetragung aus der Philharmonie in einen hochmodern ausgestatteten Hörsaal der TU erfahren. Zu hören gibt es Ausschnitte aus „Don Juan“ von Richard Strauss, es dirigiert Daniel Barenboim (ab 20 Uhr, Straße des 17. Juni 135, Raum H 104). Fans der Science-Fiction-Serie „Star Trek“ ist diese Maschine wohl bekannt: Der Replikator, ein 3-D-Drucker, der x-beliebige Gegenstände per Knopfdruck in voller Schönheit reproduziert. TU-Mathematiker zeigen, wie weit die Wirklichkeit diese Zukunftsvision bereits eingeholt hat. Sie erfassen die Gesichter von Besuchern mit ihren 3-D-Scannern – und drucken dann Schicht für Schicht Modelle aus, die der Realität verblüffend nahe kommen sollen (Straße des 17. Juni 136). Ein Klassiker der Langen Nacht ist die „Rosa Röhre“ auf der Schleuseninsel, in der TU-Schiffstechniker High-Performance-Schiffe testen und andere maritime Versuche ausprobieren (Müller-Breslau-Straße).

Dahlem (Routen 11A-C)

Irgendwann, in nicht allzuferner Zukunft, ist es vorbei mit Erdgas und Erdöl. Was kommt, wenn die Reserven fossiler Energieträger zur Neige gehen? Im Fachbereich Physik der Freien Universität (Arnimallee 14) wird um 20 Uhr 30 das heraufdämmernde Wasserstoffzeitalter erörtert. Zum gleichen Thema kann im Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft (Faradayweg 4 - 6) selbst experimentieren. Ganz im Zeichen unseres Erbguts steht der Abend im Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik. Experimente zum Mitmachen, Demonstrationen, Führungen und Vorträge geben einen Einblick in den genetischen Bauplan und seine Bedeutung für Entwicklung, Ernährung und Krankheiten wie Krebs. Hören, Riechen, Fühlen und Sehen, kurz: unsere Sinne sind unser Tor zur Welt. Im Institut für Biologie der FU in der Königin-Luise-Straße 12 - 16 kann man sie selbst erforschen und sich angesichts des Darwin-Jahrs über die Evolutionstheorie informieren. Der Koran in Bild und Ton: Ein einstündiger Vortrag um 20 Uhr im Seminar für Semitistik und Arabistik (Altensteinstraße 24, Lesesaal) führt in das heilige Buch des Islam ein und beleuchtet die Textgeschichte. Eher weltliche Perspektiven bietet die Klinik für Klauentiere (Fachbereich Veterinärmedizin, Campus Düppel). „Wo geht’s denn hier zum Kuhdamm – Eine Reise ins Innere der Kuh“ lautet der Titel der Präsentation. Ein anderer Schwerpunkt der FU-Tiermedizin sind gentechnisch veränderte Nahrungsmittel und Krankheiten von Hund und Katze. Um kranke Menschen dreht sich alles im Franklin-Klinikum der Charité (Hindenburgdamm 30) Neben Infoständen und Vorträgen gibt es Führungen. Etwa zum Thema Obduktion, zu Darmuntersuchungen und zur Aquafitness.

Potsdam (Routen 12 A und B)

Chinesisch, Polnisch, Ungarisch, Russisch – einen Einstieg in viele nicht ganz gängige Sprachen bieten die Sprachwissenschaftler der Uni Potsdam an. So können Besucher traditionelle Gerichte verschiedener polnischer Regionen kosten und dabei das passende Vokabular für ein Essen erfahren (Haus der Geisteswissenschaften, Karl-Liebknecht-Straße 24-25 in Potsdam-Golm). Wer wissen möchte, wie der Klimawandel die Erde ändern wird, sollte zum Potsdamer Telegrafenberg fahren. Mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, dem Geoforschungszentrum und dem Alfred-Wegener-Institut öffnen dort drei der renommiertesten deutschen Geo- und Klimainstitute ihre Türen.

Das gesamte Programm im Internet:
www.langenachtderwissenschaften.de

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