Lange Nacht der Wissenschaften : Schokokuss im Vakuum

Bei der neunten Langen Nacht der Wissenschaften am Sonnabend konnten die Veranstalter einen Rekord verzeichnen. Insgesamt 238.750 Mal öffneten sich die Türen zu den vielen wissenschaftlichen Einrichtungen, das entspricht einer Steigerung um gut 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Wie viele Besucher unterwegs waren, ist noch nicht bekannt.

A. Burchard[D. Nolte],R. Nestler[D. Nolte],T. Warnecke
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Im Brennpunkt des Interesses. Die Adlershofer Institute zählten insgesamt 60 000 Besuche.Fotos: Davids

Die Humboldt-Universität empfing ihre Gäste mit weit ausgebreiteten Armen. Im Foyer liefen Schüler direkt auf die Studienberatung zu. Die häufigste Frage war die nach dem Numerus clausus: Welche Durchschnittsnote brauche ich für mein Wunschfach? Eine Abiturientin aus Strausberg erfuhr, dass es 2008 für Informatik keine Zulassungsbeschränkung gab und freute sich auf ein Studium „an der gleichen Uni wie meine Eltern“. Die würden ihre Alma mater in der Langen Nacht kaum wiedererkannt haben. Mitten im Foyer lud die Alumni Lounge mit Sitzkuben aus weißem Kunstleder zum Chillen ein. Dort konnte man auch das Quiz zum 200. Jubiläum der Berliner Universität ausfüllen, was dann großzügig mit gediegenen HU-Notizbüchern und -Stiften belohnt wurde.

Schon am frühen Abend drängte ein dichter Strom Neugieriger weiter in den ersten Stock. Hier konnten sie sich mit Kartoffel-Blüten-Salat und gelb leuchtender Taglilien-Butter auf Kräckern stärken – zukunftsweisende Kreationen des Instituts für Pflanzenernährung. Am Stand gegenüber roch es streng. Labormäuse saßen in Glasbehältern mit Gitterdach und repräsentierten die ererbten Gewichtsprobleme der Gesellschaft. Die Mäuse mit der angezüchteten Muskelmasse turnten durch den Käfig und knabberten lieber am Gitter als am Trockenfutter, die Dicken lagen träge in der Ecke.

Großes Gedränge bis weit nach Mitternacht herrschte auch rund um die Institute der Technischen Universität am Ernst-Reuter-Platz. Im Lichthof des Hauptgebäudes waren Roboterhunde die große Attraktion für die jungen Besucher. Die künstlichen Tiere wedelten mit dem Schwanz und apportierten kleine Spielzeugbälle. Auch für die Eltern könnten die Hunde eine Bereicherung sein: Die Roboter erkennen Menschen anhand ihrer Bewegung und folgen ihnen dann. Mit einer Kamera auf dem Kopf sind sie perfekte Babysitter.

Stürmischen Applaus ernteten die Elektrotechniker, die in der Hochspannungshalle der TU eine große Blitzschau veranstalteten. Es krachte und donnerte, und ein Wissenschaftler mit Entertainer-Qualitäten erklärte, wie er und seine Kollegen daran arbeiten, dass Menschen und technische Geräte immer besser vor der Wucht der natürlichen Hochspannung geschützt werden können.

Lange Schlangen auch auf der Schleuseninsel vor der Versuchshalle für Schiffstechnik. Wer es in die Bauten des Instituts geschafft hatte, dem bot sich eine Kulisse, in der auch ein James-Bond-Film spielen könnte. In mehreren riesigen Anlagen testeten hier Ingenieure, wie sich Schiffe im Seegang verhalten. Der Höhepunkt war die „rosa Röhre“, die viele Berliner täglich von der S-Bahn oder Straße aus sehen können. Durch die Röhre, den weltgrößten Umlauftank, jagten die Wissenschaftler 3600 Tonnen Wasser. Die Zuschauer waren beeindruckt – aber auch skeptisch. „Kann man das nicht besser mit Computer simulieren?“, fragte einer. „Nein“, antwortete ein Forscher. „Erstens kann man einem Computer nicht alles glauben, was er an Daten ausspuckt. Das muss man in der Wirklichkeit überprüfen. Und außerdem gibt es für extremen Seegang noch keine guten Simulationsprogramme.“

Wie verhält sich ein Schokokuss im Vakuum? Das ist eine durchaus wichtige Frage, zumindest ließ es das Gedränge an dem Stand in der Weddinger Beuth-Hochschule vermuten. Ein ums andere Mal legte die Studentin Tülin Baskonak eines der Exemplare in ein Glasgefäß und stellte dieses auf die Vakuummaschine. Glashaube drauf und los ging’s. Immer größer wurden die Leckerei und die Augen der Zuschauer. „Durch das Vakuum fehlt der Gegendruck, deshalb dehnen sich die Luftbläschen im Schokokuss aus“, erläuterte sie. Als das Naschwerk auf die Größe einer Kaffeekanne angewachsen war, ließ Baskonak Luft hinzu. Der Schaum fiel zusammen. „Schmeckt cremiger als normal“, befand Politikstudentin Juliane bei der Verkostung.

Elektrotechnikstudent Matthias Gilch demonstrierte, warum ein Induktionskochfeld effektiver ist als eine Kochplatte. Die muss nämlich zuerst heiß werden, bevor der Topf auf Temperatur kommt. Beim Induktionsherd haben sich die Ingenieure den Umweg gespart. „Mir macht es Spaß, den Leuten die Technik zu erläutern“, sagte der Student.

Geradezu überrannt wurde das Deutsche Archäologische Institut (DAI) in Dahlem – von Familien mit Kindern. Vermutlich hatte sich herumgesprochen, dass das Institut ein schönes Kinderprogramm anbot: Die 130 „Forscherhefte“, mit denen Kinder ihr Können auf die Probe stellen konnten, waren im Nu vergriffen. Überall waren Kinder dabei, mit Google Earth zu den über die ganze Welt verstreuten Projekten des DAI zu reisen, Düfte des Orients zu erschnuppern, ein ägyptisches Brettspiel nachzubauen oder Schmuck nach dem Vorbild von Grabfunden zu gestalten, um das begehrte „Forscherdiplom“ zu erwerben. „Ich fand den Sandkasten am wissenschaftlichsten“, kommentierte ein Sechsjähriger fachkundig. Dort galt es, Tonscherben und Muscheln auszugraben, auszumessen und zu dokumentieren.

Große und kleine Altertumsfans kamen auch in Instituten der Freien Universität auf ihre Kosten. Das Institut für Klassische Archäologie zeigte in einem Mitmachexperiment die neuen Grabungstechniken, im Ägyptologischen Seminar wurden Keilschrifttafeln erklärt und das Institut für Altorientalistik gab sich der Magie hin: Hier konnten Besucher zauberhafte „Beschützer“ herstellen.

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