Wissen : Langer Weg nach oben

Vor 175 Jahren wurde Paul Haenlein, der Erfinder des ersten deutschen Luftschiffs, geboren

Andreas Hentschel

Wenn es um die deutsche Luftschifffahrt geht, wird oft Ferdinand Graf Zeppelin (1838–1917) genannt. Er war ein Pionier dieser neuen Art der Fortbewegung – aber nicht der erste. Der Erfinder des ersten deutschen Luftschiffs war Paul Haenlein. An diesem Sonntag vor 175 Jahren wurde er in Mainz geboren.

In einem Nachruf, der kurz nach seinem Tod erschien, heißt es: „Sein ganzes Leben war der Förderung des Luftschiffes gewidmet und die seinen Projekten zugrunde liegenden Gedanken überragten sämtliche andere seiner Zeitgenossen ganz bedeutend. Man kann behaupten, dass alle diejenigen Luftschiffer, welche bei ihren Versuchen Erfolge zu verzeichnen hatten, sich stützen auf die von Haenlein erfundenen Konstruktionsprinzipien.“ Doch sei Haenlein „als Schöpfer derselben vollständig vergessen und beiseite geschoben worden“. Darin hat sich bis heute wenig geändert.

Noch immer sind die näheren Lebensumstände des Maschinenbauers Haenlein kaum bekannt. Als junger Ingenieur erhielt er in England 1865 das erste Patent auf ein Luftschiff, 13 Jahre nachdem in Frankreich das erste Gefährt dieser Art überhaupt die Schwerkraft überwunden hatte. Haenleins Konzept nahm als Modell erstmals 1871 konkret Gestalt an. Der inzwischen nach Mainz zurückgekehrte Ingenieur versuchte das Preußische Kriegsministerium für sein Projekt zu gewinnen, doch dessen Experten winkten ab. Mehr Glück hatte Haenlein in Wien, wo ein Konsortium auf privatwirtschaftlicher Grundlage den Bau seines Luftschiffes finanzierte. Da der „Aeolus“ (griechisch für Gott des Windes), 50 Meter lang und mit einem Durchmesser von gut neun Metern in Wien keine ausreichende Gasfüllung erhalten konnte, wurde er nach Brünn gebracht.

Dort konnte am 13. Dezember 1872 bei Versuchen gezeigt werden, dass der „Aeolus“ vollständig lenkbar war, berichtete der Luftfahrtexperte Hermann Moedebeck. Aber das Brünner Stadtgas war zu schwer, um ohne Entlastung das Luftschiff heben zu können. Es mussten die Kühler und Teile des Geländers der Gondel abgenommen werden, um zwei Personen tragen zu können. Nach Haenleins Schätzung erreichte das an losen Tauen gehaltene Luftschiff eine Geschwindigkeit von knapp 20 Kilometer pro Stunde.

Der Vorsitzende des Konsortiums, Ritter von Ofenheim, verlangte nun von Haenlein, dass er in der teils geländerlosen Gondel mit einem ihm verwandten Monteur auf 100 m auffahren und in der Luft Manöver machen sollte. „Als Haenlein sich diesem Ansinnen widersetzte und die persönlichen Versuche Ofenheims, mit dem Apparate allein fertig zu werden, ergebnislos verliefen und den Spott der Zuschauer herausforderten, entstand hieraus eine derartige Verstimmung zwischen dem Erbauer und den Kapitalisten, dass weitere Versuche nicht mehr stattfanden“, schreibt Moedebeck.

Danach überarbeitete Haenlein seine Konstruktion. Nun sollten drei Gondeln mit Motoren unter dem Luftschiff dieses vorantreiben, wobei die Füllung mit Wasserstoffgas anstelle von Stadtgas vorgesehen war. Doch niemand wollte das Projekt finanzieren. Fortan verdiente Haenlein sein Geld als Maschinenbauer in der Schweiz. Erst 1903 kehrte er nach Mainz zurück um sich in Konkurrenz zu Zeppelin erneut der von ihm zuerst in Deutschland theoretisch durchdachten und praktisch in Angriff genommenen Lösung des Problems eines motorgetriebenen „lenkbaren Luftschiffes“ zu widmen. Viel Zeit hatte Haenlein nicht, im Januar 1905 starb er. Andreas Hentschel

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