Lebensmittel aus Japan : Sorge über alle Grenzen

Die Sorge um radioaktiv verseuchte Lebensmittel aus Japan ist in Europa groß. Auch deshalb, weil es keine einheitlichen Strahlen-Grenzwerte für Lebensmittel gibt.

Sabrina Gebauer
Unter Kontrolle. Japanisches Lebensmittel wird vor der Einfuhr überprüft.
Unter Kontrolle. Japanisches Lebensmittel wird vor der Einfuhr überprüft.Foto: Reuters

Eigentlich wollte die EU-Kommission mit einer einheitlichen Verordnung für Strahlen-Grenzwerte Klarheit schaffen. Nur am Ende steht mehr Verwirrung und Unsicherheit. Die Kommission hat sich vor einer Woche dafür entschieden, dieselbe Verordnung wirksam werden zu lassen, die 1987 nach dem Atom-Unglück in Tschernobyl verabschiedet wurde. Hauptziel sind mehr und strengere Import-Kontrollen. Das Problem, was viele nationale Regierungen und auch Verbraucherschützer mit dieser Verordnung haben, ist, dass sie auch neue Höchstgrenzen für radioaktive Substanzen enthält. Denn sie steht im Gegensatz zu einer Verordnung aus dem Jahr 2008. Während in der 2008er Verordnung eine Höchstgrenze von 600 Becquerel pro Kilogramm für radioaktives Cäsium 134 und 137 festgeschrieben war, ist in der neuen Regelung von 1250 Becquerel die Rede. Bei Milcherzeugnissen sei der Grenzwert von 370 auf 1000 Becquerel gestiegen.

Damit sind Umwelt- und Verbraucherschützer nicht zufrieden. Greenpeace bezeichnete die aktuelle EU-Verordnung als „rechtswidrig“. Denn eine Änderung der Strahlen-Grenzwerte ist nach Auffassung von Greenpeace nur tragbar, wenn sie den Verbraucherschutz stärkt. Greenpeace fordert die EU-Kommission darum auf, die Werte auf das niedrigere Normalniveau zurückzunehmen. Bei der Angleichung ihrer Grenzwerte sollten sich die EU-Staaten am jeweils niedrigsten Wert orientieren, fordern auch Verbraucherschutz- und Umweltministerium.

Der Geschäftsführer der Verbraucherorganisation Foodwatch, Thilo Bode, hatte bereits am Mittwoch kritisiert, dass die EU „mit ihrer Eilverordnung absurderweise einerseits die Sicherheitsstandards durch schärfere Kontrollmaßnahmen erhöht, sie andererseits aber durch laxere Grenzwerte abgesenkt“ habe. Ein Sprecher der Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) forderte, dass man sich auch an den japanischen Strahlen-Grenzwerten orientieren müsse. Und die liegen derzeit unter den europäischen Grenzwerten – bei etwa 500 Becquerel. Die EU-Kommission hatte die Vorwürfe bisher zurückgewiesen. Sie argumentiert, die Kontrollen seien nicht gelockert, sondern sogar verschärft worden.

Trotz der Diskussionen um geeignete Grenzwerte betonte Aigner am Freitag erneut, dass Verbraucher sich „im Moment keine Sorgen“ über belastete Nahrungsmittel machen müssten. Die Waren würden bei der Ausfuhr in Japan und bei der Einfuhr in Deutschland kontrolliert. Auch sei der Umfang der Importe aus Japan äußerst gering. Nur 0,1 Prozent der importierten Lebensmittel kommen laut einer Sprecherin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes aus Japan.

Die EU–Regelung von 1987 jetzt in Kraft zu setzen, ist in den Augen von Foodwatch-Geschäftsführer Bode und Christina Hacker vom Umweltinstitut München völlig absurd, „denn es gibt in Deutschland keinen nuklearen Notstand und erst recht keine Nahrungsmittelknappheit“.

Die Sorge um Importe aus Japan betrifft aber nicht nur Lebensmittel. Insgesamt sorgen sich Verbraucher um Waren aus dem Katastrophengebiet. Der Zoll aber prüft seit dem 15. März Luftfracht und Post aus Japan auf Strahlen, wie eine Sprecherin des zuständigen Bundesfinanzministeriums sagte. Die „Stichproben“ lägen „im hohen zweistelligen Bereich“. Bisher gab es demnach keine Hinweise auf Kontamination. Wenn die ersten nach dem 11. März in Japan abgelegten Schiffe in Deutschland ankommen, sollen auch diese kontrolliert werden. Denn der Großteil der Waren gelangt mit dem Schiff nach Deutschland. Diese benötigen dem Verband Deutscher Reeder (VDR) zufolge vier bis sechs Wochen. Demnach könnten in rund einer Woche die ersten Schiffe in Deutschland anlanden. Viele Schiffe laufen aber vor ihrer Ankunft an deutschen Häfen zunächst andere europäische Häfen wie Rotterdam an. Der Bremer BLG-Logistikkonzern geht davon aus, dass verstrahlte Schiffe dort „ziemlich sicher abgefangen“ würden. mit AFP

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