Lebensmittelskandal : Forscher folgen der Fährte des Dioxins

Woher stammt das Dioxin in unserem Essen? Sicher ist: Dem Tierfutter aus Uetersen wurden Fette aus der Biodieselherstellung beigemischt. Doch die eigentliche Quelle ist noch nicht gefunden.

Dagny Lüdemann
Mögliche Quelle. In Müllverbrennungsanlagen können Dioxine entstehen. Foto: dpa
Mögliche Quelle. In Müllverbrennungsanlagen können Dioxine entstehen. Foto: dpaFoto: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der Dioxinskandal in Deutschland zieht weite Kreise. Vieles spricht inzwischen gegen eine einmalige Panne in den Fabriken des schleswig-holsteinischen Futtermittelherstellers Harles und Jentzsch. Wahrscheinlicher ist, dass industrielle Abfälle in das Pflanzenfett gelangten, das schließlich zu Tierfutter verarbeitet wurde. Aus Versehen oder mit krimineller Absicht. So landete das Dioxin in Eiern und Fleisch. Die Quelle der Chemikalie ist jedoch noch immer unbekannt.

Sicher ist: Dem Tierfutter aus Uetersen wurden Fette aus der Biodieselherstellung beigemischt. Zugelassen waren sie nur zur technischen Verwendung, etwa als Schmiermittel. Ein klarer Verstoß – doch erklärt das noch nicht, wo das Dioxin herkommt. Denn während der Aufbereitung von Altspeisefetten zur Biodieselproduktion entstehen normalerweise keine Dioxinverbindungen. „Aufgrund der üblichen Temperaturen und der Prozessbedingungen bei der Weiterverarbeitung von Biodiesel ist es sehr unwahrscheinlich, dass hierbei Dioxin entsteht“, sagt Thorsten Bernsmann. Der Lebensmittelchemiker vom Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt in Münster (CVUA) untersucht derzeit für das Land Nordrhein-Westfalen den Skandal.

Wenn das Dioxin also nicht während der Verarbeitung der Fette entstand, wurde dann vielleicht schon vorher gepanscht? Eventuell mit Motoröl oder anderem Industrieöl? Auch das ist unwahrscheinlich, meint Bernsmann. In Münster verfügen die Forscher über einen Gaschromatografen, gekoppelt mit einem hochauflösenden Massenspektrometer. Das sind Geräte, mit denen sich Dioxinverbindungen auch in sehr geringen Konzentrationen nachweisen lassen. „Wenn das Dioxin aus der Mineralölindustrie stammt und zum Beispiel durch einen kontaminierten Lkw-Tank oder Ähnliches ins Pflanzenfett gelangte, müssten wir mehr Furanverbindungen finden“, sagt Bernsmann.

Eine weitere Möglichkeit wäre, dass Rückstände aus der Müllverbrennung in das Fett und so ins Viehfutter gelangten. Auch hierfür wären Dioxinverbindungen mit Furanen typisch. In ihren Proben überwogen allerdings hexachlorierte Dibenzodioxine, ohne Furan. All das spricht gegen die Müllverbrennungstheorie. Viel mehr aber lässt sich aus den Proben noch nicht lesen.

Die Organisation Foodwatch äußert hingegen einen konkreten Verdacht. Sie vermutet die Dioxinquelle in Rückständen von Pflanzenschutzmitteln. Das ergebe sich „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ aus dem Muster einer Futterfettprobe, die Foodwatch angeblich vorliegt. Die Analyse der Dioxin- und Furanverbindungen weise auf Rückstände einer Pentachlorphenolverbindung hin, wie sie als Pilzgift eingesetzt werde, berichtete Foodwatch zunächst. In Deutschland darf die Chemikalie seit 1989 nicht mehr gehandelt und angewendet werden.

Das Bundesverbraucherschutzministerium bezeichnete die Ergebnisse von Foodwatch allerdings als „reine Spekulation“. Auch Peter Fürst von der CVUA zweifelte das Ergebnis an. Für Pentachlorphenol seien hohe Gehalte zweier charakteristischer Dioxinverbindungen typisch, sagte er. „Sie ragen aber bei unseren Proben nicht heraus.“ Inzwischen redet Foodwatch nicht mehr von Pentachlorphenol, sondern einem Chlorphenol.

Von den 210 bekannten Dioxinverbindungen, die als Nebenprodukte chemischer Prozesse entstehen, sind 17 dafür bekannt, dass sie sich im Fettgewebe von Mensch und Tier anreichern und so Gesundheitsschäden hervorrufen können. Ihre Struktur ist bekannt – normalerweise können Chemiker daran wie an einem Fingerabdruck erkennen, wo das Umweltgift herkommt.

Im aktuellen Fall stehen die Forscher allerdings vor einem Rätsel. „Das Muster, das mir nach den bisherigen Analysen aus den Proben bekannt ist, hat es meines Wissens so noch nicht gegeben“, sagt Bernsmann. Eine Erklärung ist, dass sich die Substanzen im Laufe verschiedener Verarbeitungsprozesse in ihrer Verteilung verändert haben. „Ich spreche im Moment deshalb von einer maskierten Kongenerenstruktur“, sagt der Lebensmittelchemiker. Als Kongenere bezeichnen Forscher die 210 verschiedenen Formen, in denen Dioxin auftreten kann.

Bleibt die Möglichkeit, dass das Dioxin bereits im Altspeisefett steckte, bevor dieses für die Biodieselherstellung aufbereitet wurde. Um das festzustellen, müssten auch bei dem Lieferanten der Firma Harles und Jentzsch Untersuchungen angestellt werden.

Auch wenn der Zusammenhang zwischen dem dioxinbelasteten Viehfutter und den positiv getesteten Lebensmitteln naheliegend ist, muss der wissenschaftliche Beweis dafür im Einzelfall erbracht werden. Da Mensch und Tier über die Nahrung ständig in der Umwelt vorhandene Dioxinverbindungen in geringen Mengen aufnehmen, finden die Kontrolleure in den Labors immer etwas. „Auch der Stoffwechsel von Tieren kann die Struktur der Dioxinmoleküle verändern, was den Nachweis erschwert, dass diese wirklich über das belastete Futter aufgenommen wurden“, erklärt Bernsmann. Die Suche nach der Dioxinquelle geht also weiter. Bis sie gefunden ist, bleibt alles Weitere Spekulation. Dagny Lüdemann

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