Lebensraum Ozean : Inventur im Meer

Die Ozeane sind der größte Lebensraum der Erde. Sie bergen die unterschiedlichsten Arten. Tausende Forscher haben dieses Reich erkundet und beantworten die Frage "Was lebt im Meer?" so genau wie nie zuvor.

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Der Schwarzangler bringt von allein ein bisschen Licht ins Dunkel. Er lockt Beute mit der Leuchte über seinem Maul an.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Naturhistorisches Museum Senckenberg
21.10.2010 12:43Der Schwarzangler bringt von allein ein bisschen Licht ins Dunkel. Er lockt Beute mit der Leuchte über seinem Maul an.

Sie haben 538 Expeditionen gestartet und eine halbe Milliarde Euro ausgegeben. 2500 Wissenschaftler aus 85 Ländern haben zehn Jahre lang die Weltmeere erforscht, sie haben die Verteilung von Tieren in der Vergangenheit erkundet, mit Hilfe von Klosterarchiven, Logbüchern und historischen Speisekarten. Und sie haben erforscht, was heute in den Ozeanen lebt. Sie haben Thunfische per Satellit verfolgt, Seeelefanten mit Peilsendern ausgestattet und immer wieder mit Netzen, Käschern und Robotern Tiere gefangen und Pflanzen gesammelt, ob Schnecken, Quallen, Seegurken, Fische, Krebse, Algen, Muscheln oder Tang. Dabei haben sie mindestens 1200 neue Arten entdeckt.

„Census of Marine Life“ nennt sich das Megaprojekt, das seit dem Jahr 2000 läuft. Wenn es im Oktober in London offiziell endet, wird die Liste aller bekannter Meereslebewesen wohl mehr als 230 000 Arten umfassen. Jetzt erscheint im Fachjournal „Plos One“ eine erste Bestandsaufnahme: Von den Küsten Kanadas über Hawaii, Brasilien und Korea bis hin zu den abgeschiedensten Orten der Welt in der Kälte der Eismeere und den dunklen Abgründen der Tiefsee. In zwölf Studien beschreiben die Forscher, welche Tiere in welchen Regionen leben. Dabei geht es zunächst nicht darum, wie häufig die einzelnen Arten sind, sondern um eine Inventur der Lebewesen: Was lebt wo?

Die Vielfalt der Formen und Farben ist beeindruckend. Die Forscher haben haarige Krabben, leuchtende Quallen und furchterregende Fische gefunden. Dabei sind sie sich einig: Für jede Art, die wir in den Meeren kennen, gibt es vier, die wir noch nicht kennen. „Das bedeutet nicht, dass wir versagt haben“, sagt die Meeresbiologin Nancy Knowlton. „Das Meer ist einfach so riesig, dass wir nach zehn Jahren harter Arbeit nur Schnappschüsse dessen haben, was im Meer vorkommt.“

Diese Schnappschüsse bieten aber bereits ein interessantes Bild davon, was in und an unseren Meeren lebt. So gehört jede fünfte bekannte Meeres-Art zur Gruppe der Krebstiere, wie etwa Krabben oder Garnelen. An zweiter Stelle stehen mit 17 Prozent die Weichtiere, die Tintenfische, Schnecken und Muscheln. Fische machen immerhin noch 12 Prozent der bekannten Arten aus. Dagegen werden Wale, Walrosse, Seelöwen, Schildkröten und Wasservögel lapidar als „weitere Wirbeltiere“ zusammengefasst. Sie machen nur zwei Prozent aus. Von Meer zu Meer variiert das allerdings gewaltig. So wimmelt der Ostpazifik nur so vor Würmern, die dort 28 Prozent aller Arten ausmachen, in japanischen Gewässern hingegen sind es drei Prozent.

Nirgendwo beherbergt das Wasser so viele Spezies wie rings um Japan und Australien. Dort kennen Forscher jeweils an die 33 000 Tier- und Pflanzenarten. Die Ostsee hingegen gehört zu den Meeren mit den wenigsten Arten – zumindest in absoluten Zahlen. Gemessen an der Größe machen die 5865 bekannten Arten die Ostsee allerdings zu einem der vielfältigsten Meere.

Viele Arten kommen in ganz verschiedenen Regionen vor. Die am weitesten verbreiteten Arten sind an den beiden Enden des Größenspektrums zu finden: Zum einen die Meeressäugetiere, die wahre Kosmopoliten der Weltmeere sind. Aber auch einige mikroskopisch kleine Algen und einzellige Tiere finden sich fast überall. Wie ausgerechnet diese winzigen Lebewesen derart verbreitet sein können, ist eine der Fragen, mit denen sich die Forscher noch beschäftigen.

Besonders interessieren sie sich für endemische Arten, Lebewesen, die nur in einem bestimmten Gebiet vorkommen. In der Antarktis oder Neuseeland gilt das für die Hälfte aller bekannten Arten, in der Ostsee nur für eine einzige. Die Alge Fucus radicans wurde 2005 im Bottnischen Meerbusen entdeckt. Schwedische Forscher nehmen an, dass die Art sich erst vor 400 Jahren aus dem Blasentang entwickelte.

Interessant sind für Forscher vor allem auch die Ergebnisse aus der Antarktis, über die bisher besonders wenig bekannt war, und dem Mittelmeer, in dem mehr als 600 Arten aus anderen Meeren zugewandert sind.

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