Fehlentscheidungen, wenn nur von oben nach unten regiert wurde

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Lehre aus der Archäologie für den BER : Königliche Grabanlage als Innovationsmotor

Es ist nicht das einzige Problem, an dem viele Planungen kranken. Die Geschichte zeigt, dass Organisationen auch dann zu gravierenden Fehlentscheidungen neigten, wenn von oben nach unten durchregiert wurde – ohne nähere Kenntnisse des verwendeten Materials. Einer von Schäfers Kollegen am Max-Planck-Institut forscht derzeit zur Baugeschichte schottischer Kathedralen. Im 19. Jahrhundert wollte man die Sandsteinbauten mithilfe von Zement restaurieren. Keine gute Idee, denn der Zement reagierte unter Regen und Nässe anders als das Lehm-Kalkgemisch, mit dem der Sandstein traditionell gemauert wurde. Die Planer hatten das weder bedacht, noch hatten sie bei erfahrenen Steinmetzen nachgefragt.

Die Chance im Scheitern

Manchmal liegt aber gerade im Scheitern eine immense Chance. Neues Wissen über Materialien kann gewonnen werden. Oder sogar völlig unerwartete Erkenntnisse über größere ökologische Zusammenhänge. „Man wollte vielleicht nur einen Deich bauen oder einen Fluss umleiten – und stellte plötzlich fest, dass vermeintlich kleine Eingriffe einen großen Effekt haben“, sagt Schäfer. Der konkrete Umsetzungsprozess mit all seinen Komplikationen schuf neues Wissen über Natur und Umwelt, sei es in Ägypten beim Bau des Suezkanals im 19. Jahrhundert oder beim Bau der Tempelanlage Angkor Wat im 12. Jahrhundert im heutigen Kambodscha. Historisch betrachtet haben viele Bauprojekte solch unbeabsichtigte Nebeneffekte gehabt.

Ob das die Zeitgenossen, die mit ihren Planungen teilweise scheiterten, getröstet hat? Misslungene Großprojekte bedeuten nicht nur den Verlust von Geld und Prestige, sie können sogar dazu führen, dass ein Gesellschaftssystem insgesamt ins Wanken gerät. Und trotzdem kann die Krise nachträglich einen Meilenstein der Technikgeschichte markieren. Letztlich sei entscheidend, wie die jeweiligen Bauherren mit den Komplikationen umgehen, erklärt Schäfer. „Halten sie an ihren Zielen fest oder entscheiden sie sich trotz hoher Investitionen zur Aufgabe?“

Bauen ist eine Frage gesellschaftlicher Ideale

Dass sich heute ausgerechnet technisch hoch entwickelte Länder wie Deutschland so schwer mit der Realisierung ihrer Großbauprojekte tun, führt Schäfer auch darauf zurück, dass viele Beteiligte die Komplexität der Vorgänge unterschätzen. „Bauen ist nicht nur eine Frage von Personen, Finanzen und Materialien, sondern auch eine Frage der bestehenden gesellschaftlichen und politischen Organisationsstrukturen und wissenstheoretischen Ideale“, sagt sie. Diese Strukturen werden bei der architektonischen Planung oft schlicht vergessen. Bei Großprojektplanungen wird immer davon ausgegangen: „Hier ist das Material, da das Geld, dann zeichnet einer einen Plan, dann wird gebaut.“ Dabei übersehen die Planer, dass sie gesellschaftliche und politische Strukturen sowie Individualinteressen berücksichtigen müssten.

Mit der Komplexität der Planung veränderte sich immer auch die Sicht auf die Welt. „Individuen planten für sich selbst. Könige, die Paläste bauten und Staaten regierten, planten für die Ewigkeit“, sagt Schäfer. Einige meinten sich um alles kümmern zu müssen, andere interessierte nur das Ergebnis.

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Vergleich man das mit einem Großprojekt wie einem Flughafenbau, so machen einige einen Plan, legten ihn vor und dächten, mit dem Beginn des Baus sei die Sache vorbei. Andere dagegen sähen, dass mit dem Bau der spannende Teil erst beginnt: laufende Veränderungen, neue Bedürfnisse, Einsprüche, Bedenken, Korrekturen und Reparaturen müssen bedacht werden. Neues Wissen wird benötigt und oft erst im laufenden Prozess generiert. „Das muss man in den Plan miteinbeziehen“, sagt Schäfer.

Die Kunst des Bauens habe historisch gesehen immer darin bestanden, mit Widerständen und Komplikationen konstruktiv umzugehen und die Planung entsprechend flexibel zu handhaben. Und vor allem dann, wenn es wirklich losgeht mit dem Bau, noch auf Jahrzehnte genügend Material, Geld und Fachleute zu haben.

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