Lehrerausbildung : Schule der Praxis

Lehrer sollen Schüler auch auf ihr späteres Berufsleben vorbereiten. Nur sind sie selbst nicht optimal auf diese Aufgabe vorbereitet, wie eine neue Studie belegt. Was läuft schief in der Lehrerausbildung?

Uwe Schlicht

Die Lehrerbildung ist in Deutschland überreguliert und geht weitgehend an der Schulwirklichkeit vorbei. Mit dem Blick von außen kommt der international bekannte Pädagoge Professor Jürgen Oelkers von der Universität Zürich zu dem Ergebnis, dass das Lehrerstudium „nicht ausreichend auf den Beruf vorbereitet“. Die pädagogischen Anteile seien in dem Studium oft zu gering. Abiturienten wählten häufig den Lehrerberuf, weil sie keine andere Perspektive sähen oder ihr Abiturnotendurchschnitt für ein anderes Studium nicht gut genug sei. Aber auch Abiturienten, die ihre Berufswahl mit einem idealistischen Bild verbänden, gingen von der falschen Vorstellungen aus, dass 20 Kinder in einer Klasse zusammensitzen, die alle gut Deutsch sprechen. Das Lehrerbild junger Frauen orientiere sich häufig am niedlichen Kleinkind, das es zu unterrichten gelte. Das entspreche nicht der Realität.

Oelkers hat eine Studie mit dem Titel „I wanted to be a good teacher …“ im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung erstellt. Es handelt sich nicht um eine empirische Untersuchung, sondern es ist eine kritische Analyse der inhaltlichen und juristischen Rahmenvorgaben für die Lehrerausbildung in den 16 deutschen Bundesländern. Zentrale Forderung, die sich aus der Studie ergibt, ist eine intensivere Einbeziehung von Schulpraktika in die Ausbildung. Damit kritisierte Oelkers im Kern das Muster der deutschen Lehrerausbildung unter den Bedingungen von Bachelor und Master. Der Bachelor legt den Schwerpunkt auf die Unterrichtsfächer und schließt mit einer Prüfung ab, die nach sechs Semestern „auch für Berufsfelder außerhalb der Schule befähigen“ soll. Diese Festlegung durch die Kultusministerkonferenz und den Wissenschaftsrat habe die Folge, dass die pädagogische und fachdidaktische Ausbildung im Bachelor zu kurz kommt. Die anschließende spezielle Lehrerausbildung ist in Deutschland dem Master vorbehalten. Während des Bachelorstudiums ist in Deutschland ein einmonatiges Orientierungspraktikum und im Masterstudium ein Praxissemester von mindestens fünf Monaten Dauer zu absolvieren. Mit dem Bachelor allein kann man nicht Lehrer werden. Einen Rechtsanspruch auf ein anschließendes Masterstudium gibt es nicht. Die Aufnahme in das Masterstudium ist von Kapazitäten oder Zulassungskriterien abhängig, die von Hochschule zu Hochschule variieren.

In der Schweiz dagegen fällt die Entscheidung für die Eignung zum Lehrerberuf viel früher. An den pädagogischen Hochschulen findet bereits im ersten Ausbildungsjahr „eine Eignungsabklärung“ statt. Das heißt, in der Schweiz werden die Lehrerstudenten innerhalb der ersten zwei Semester mit der Unterrichtswirklichkeit der Schulen konfrontiert. Wer in diesem Schulpraktikum versagt, wird an den pädagogischen Hochschulen „aus dem Studium entlassen“. Solche Eignungspraktika gebe es vergleichbar nur in Nordrhein-Westfalen. Dieses Praktikum muss mindestens 20 Tage umfassen und kann vor Aufnahme des Studiums geleistet werden. Wer ein solches Eignungspraktikum nicht vollständig absolviert hat, wird nicht zum Vorbereitungsdienst zugelassen, der sich an das Masterstudium anschließt.

Scharfe Kritik übt Oelkers an der mangelnden Fortbildung. Eine Fortbildung der Lehrer sei keine Privatsache, sondern müsse selbstverständlich werden. Eine Fortbildung, die sich nicht an der Berufspraxis und den Problemen im Unterricht orientiere, gehe an den Bedürfnissen der Lehrer vorbei. Die Weiterbildung sei so zu organisieren, dass die Lehrer „ihre bisherige Unterrichtspraxis erfolgreich weiterentwickeln können“.

Die Schulwirklichkeit lehrt, dass Jugendliche aus bestimmten Milieus kaum noch von den Unterrichtsangeboten erreicht werden. Seit der Pisa-Studie von 2001 ist hierzulande bekannt, dass es eine Risikogruppe von 20 Prozent der Schüler gibt, die in Mathematik und der Lesefähigkeit unterhalb oder nur auf der Kompetenzstufe I bleiben. Bei fünf Stufen wirft diese niedrige Leistung die Frage auf, ob die Jugendlichen später eine geregelte Berufsausbildung absolvieren können. Die Shell-Jugendstudie aus dem Jahr 2000 hat offengelegt, dass bei diesen Risikoschülern der Schulerfolg vor allem durch zu viel ungenutzte Freizeit infrage gestellt wird. Für diese Jugendlichen empfiehlt Oelkers Ganztagsschulen mit einer geregelten Betreuung bis in den Nachmittag hinein. Diese Betreuung soll jedoch nicht in einer Fortsetzung des Unterrichts vom Vormittag bestehen, sondern Sportangebote von Vereinen, handwerkliche Übungen und Musizieren einschließen. Die Entscheidung über Ganztagsschulen müsse in den Kommunen fallen.

Bei einer solchen Schulreform kommen auch die Eltern ins Spiel. Denn schon jetzt wisse man, dass der Abstand zwischen leistungsstarken und leistungsschwachen Schülern „im Verlauf der Schulzeit keinesfalls geringer wird“. Eher ist mit einer Vergrößerung dieses Abstandes zu rechnen – jedenfalls bei bestimmten Gruppen von Schülern. Dem müssten auch Eltern entgegenwirken.

Der Bedarf an einer besser organisierten Lehrerausbildung ist groß. In Deutschland gibt es 789 000 Lehrkräfte. Von denen sind aus Altersgründen 365 000 bis zum Jahr 2015 zu ersetzen. Eigentlich müssten deshalb mehr Lehrer eingestellt werden, als es tatsächlich geschieht. Zwischen 2003 und 2005 hätten 88 000 neue Lehrer eingestellt werden müssen, in Wirklichkeit waren es nur 73 200.

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