Wissen : Leiden lindern statt Sterben verlängern

Die Versorgung Schwerkranker mit Palliativmedizin soll zur Regel werden – Berlin hat eine Vorreiterrolle

Rosemarie Stein
Helfen bis zuletzt. In Deutschland haben die gesetzlich Versicherten Anspruch auf eine gute Versorgung am Lebensende. Neue Behandlungsansätze zielen darauf ab, die Patienten so wenig wie möglich im Krankenhaus zu behandeln. Foto: picture-alliance/ZB
Helfen bis zuletzt. In Deutschland haben die gesetzlich Versicherten Anspruch auf eine gute Versorgung am Lebensende. Neue...Foto: picture-alliance/ ZB

Letzter Besuch bei einem neunzigjährigen todkranken Arzt in einer Berliner Klinik. Er wirkt sehr erschöpft, das Sprechen fällt ihm schwer. Tags zuvor habe man ihn quer durchs Krankenhausgelände zum Röntgen transportiert. Diese quälende Prozedur hatte ihm sehr zugesetzt, aber es fehlt ihm die Kraft, sich dagegen zu wehren. Gegen das hilflose, unsinnige und für den Sterbenskranken qualvolle Bestreben seiner Kollegen, noch irgendetwas zu tun.

Sie hätten noch sehr viel Sinnvolles für ihn tun können, wenn sie mit dem Schwerkranken eine Änderung des Behandlungsziels vereinbart hätten. Keine Maßnahmen mehr, die lebensverlängernd sein sollen, aber nichts mehr nützen und nur noch schaden. Stattdessen alles tun, um die Lebensqualität zu verbessern, durch Linderung von Schmerzen und anderen Beschwerden wie Atemnot, Übelkeit und Erbrechen, auch Angst und Depression. Also statt „kurativer“ (auf Heilung oder Lebensverlängerung abzielende) Behandlung „palliative“ Therapie und Pflege.

Ein reformiertes Medizinstudium und eine wachsende Zahl von Lehrstühlen für palliative Medizin werden hoffentlich bewirken, dass künftige Ärzte nicht mehr auf Lebensverlängerung auch dann noch fixiert sind, wenn sie nur noch Sterbensverlängerung ist. Für die Fortbildung der heute praktizierenden Ärzte wird zumindest einiges getan. Das zeigte in Berlin der „Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheitswesen“. An sächsischen und hessischen Beispielen legten die Palliativmedizinerinnen Margarete Ruppert und Barbara Schubert dar, wie die in Deutschland besonders ausgeprägte Trennung zwischen Klinik und Praxis zu überwinden ist, unter der gerade Krebskranke sehr leiden.

Eine Palliativstation wie die im Krankenhaus Nordwest (Frankfurt am Main) nutzt die medizinische Infrastruktur einer Klinik, ist aber ein vom hektischen Betrieb abgeschirmter Bereich. In einer fächerübergreifenden Fallkonferenz versucht das Team, für jeden Patienten den besten Weg und den besten Ort zu finden: Ambulante Versorgung zu Hause? Wenn er dort nicht die nötige Hilfe hat: Tagesklinik? Hospiz? Oder braucht er erst die intensive Therapie einer Palliativstation?

Dort gibt es Ein- und Zweibettzimmer mit Raum für Angehörige. In Palliativversorgung geschulte Pflegekräfte, Ärzte, Psychologen und Seelsorger, Physiotherapeuten, Schmerz- und Ernährungsspezialisten bemühen sich, die körperlichen und seelischen Nöte der Kranken zu lindern. Gelingt dies, dann können sie entlassen werden. Der größte Wunsch der meisten ist es, nie wieder ins Krankenhaus zu müssen, sondern die kostbare letzte Lebenszeit im vertrauten Zuhause zu verbringen, und zwar gut versorgt.

Vielen, aber längst noch nicht allen ist dies heute auch möglich: Seit 2007 haben schwer leidende Patienten mit begrenzter Lebenserwartung einen Anspruch an ihre gesetzliche Krankenkasse auf „spezielle ambulante Palliativversorgung“. In Dresden sind geschulte Teams (Arzt und Schwester) sowohl im Krankenhaus als auch ambulant tätig. Schon am Tag nach der Entlassung macht das Palliativteam, möglichst zusammen mit dem Hausarzt, dessen Tätigkeit nicht ersetzt, sondern ergänzt wird, den ersten Hausbesuch.

Das Palliativteam behandelt körperliche Beschwerden, nötigenfalls auch mit Eingriffen wie zum Beispiel dem Ableiten von Wasseransammlungen im Bauch, und es gibt dem Kranken wie den Angehörigen intensive psychologische und soziale Unterstützung, bereitet sie auch auf Krisen vor. Durch Rufbereitschaft rund um die Uhr kann verhindert werden, dass ein fremder Notarzt gerufen wird, der den Kranken dann doch noch in die Klinik einweist – zum Sterben?

Wie Barbara Schubert vom Dresdner St.-Joseph-Stift berichtete, kann aus der dortigen Palliativstation die Hälfte der Patienten stabilisiert entlassen werden. Und ein Drittel hätte zur palliativen Behandlung gar nicht in der Klinik bleiben müssen, sagte die Dresdner Ärztin, gäbe es dort eine so gut ausgebaute ambulante Palliativversorung, wie sie in Berlin von dem schon 1992 gegründeten Verein Home Care und auf Krebs spezialisierten (onkologischen) Arztpraxen seit langem geleistet wird.

Auf deren Erfahrung stützt sich die „spezialisierte ambulante Palliativversorgung“, die anderswo noch in den Anfängen steckt und in Berlin als dem ersten Bundesland umfassend eingeführt wurde. Hierfür sind 78 Praxen mit palliativmedizinisch weitergebildeten Ärzten zugelassen, 17 davon (mit 41 Ärzten) sind hämatologisch-onkologische, auf Krebskrankheiten spezialisierte Praxen.

Außerdem gibt es in Berlin einen Konsiliardienst für Hausärzte, spezialisierte Pflegedienste, sechs Palliativstationen und zwölf stationäre Hospize, viele ehrenamtlich tätige ambulante Hospizdienste und nicht zuletzt viele mündige Patienten, die auf Selbstbestimmung auch in ihrer kostbaren letzten Lebenszeit Wert legen.

„Ich muss mich gut informieren, denn ich stehe vor der Aufgabe: Wie bringe ich meinem Arzt bei, dass ich keine Chemotherapie mehr will?“, sagte kürzlich eine betagte Krebspatientin zu Céline Calvet, Sozialpädagogin in der Zentralen Anlaufstelle Hospiz. Dort bekommt jedermann Informationen über Möglichkeiten und Einrichtungen der palliativen Versorgung in Berlin, ebenso zu Themen wie Schmerztherapie, Patientenverfügung oder Sterbegleitung. Die Broschüre „Wenn Ihr Arzt nicht mehr heilen kann“ wartet auf ihre Neuauflage.

Zentrale Anlaufstelle Hospiz ZAH beim Unionhilfswerk Sozialeinrichtungen gemeinnützige GmbH, Kopenhagener Str. 29, 13407 Berlin-Reinickendorf, Telefon 40 71 11 13. www.hospiz-aktuell.de. – Mit dem Ziel einer besseren Palliativversorgung in Pflegeheimen schuf das Unionhilfswerk auch ein „Kompetenzzentrum Palliative Geriatrie“. Projektleiter: Dirk Müller, Telefon 42265-833 und 0171/308 7736. www.palliative-geriatrie.de

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