Lenzen nach Hamburg? : Bequem geht’s nicht nach oben

Lenzens Abschied wäre eine neue Drehung im Wettkampf der Metropolen an Elbe und Spree. Welche Wertschätzung hat die Wissenschaft in Berlin wirklich – das ist die Frage, die sich nun stellt. Der FU-Präsident verkörpert den erklärten Willen, Berlin zum Standort für Exzellenz zu machen. Bequem ist das nie für eine Regierung. Aber anders sind keine Erfolge möglich.

Gerd Nowakowski

Warum nicht Hamburg? In der reichen Hansestadt mit vermögenden Stiftern eine große Universität wieder in die erste Liga zu führen, das ist eine reizvolle Herausforderung, vor allem, wenn die Landesregierung volle Unterstützung verspricht. Dieter Lenzen, noch Präsident der Freien Universität Berlin, hat gezeigt, was man unter deutlich schlechteren Bedingungen machen kann. Seine Bewerbung in Hamburg ist ein Alarmzeichen für die selbst ernannte Hauptstadt des Wissens Berlin, in der die rot-rote Koalition ständig den Zusammenklang von Hochschulen, Forschung und innovativen Unternehmen als Basis künftigen Wohlstands betont.

Im Zentrum steht deshalb, warum Berlin einen erfolgreichen Präsidenten nicht zu halten versteht. Immerhin hat die FU unter Lenzens Führung das Schmuddelimage abgelegt, die schwierigen Sparbedingungen gemeistert, ist in den Kreis der deutschen Eliteunis und der weltweit 100 besten Hochschulen aufgestiegen. Der sendungsbewusste Lenzen hat mit Erfolg einen FU-Campus mit spektakulärer Bibliothek und Gästehotel geschaffen sowie die Drittmittel enorm gesteigert. In seinem Sog haben die anderen Universitäten von dem nie um starke Worte verlegenen Lenzen profitiert, etwa bei der laufenden Verhandlung der Hochschulverträge.

Dass Lenzen nach Hamburg will, weil er in Berlin auf dem Zenit des Erfolgs angelangt ist und sich hier 2011 einer ungewissen Wiederwahl stellen muss, ist nicht ausgeschlossen, reicht aber als Erklärung nicht. Der Erziehungswissenschaftler hat viele Kämpfe geführt und zu viele Niederlagen einstecken müssen, als dass der Schritt wirklich überrascht. Mit Verve hat er in dieser Zeitung kürzlich die so empfunden Täuschungsmanöver des Senats bei der finanziellen Ausstattung der Universitäten gegeißelt und vor deren Abstieg in die „Amateurliga“ gewarnt. Der streitbare Lenzen, in der Berliner CDU zeitweise als möglicher Gegenkandidat für das Amt des Regierenden Bürgermeisters im Gespräch, kämpfte beharrlich gegen die Einstein-Stiftung, weil er den Verlust seiner renommiertesten Wissenschaftler fürchtete. Vergeblich forderte er auch, das Klinikum Benjamin Franklin aus der Charité herauszulösen.

So wird der Fall Lenzen auch ein Fall Zöllner. Der Wissenschaftssenator hat derzeit wenig Fortune. Zwar kann die lange auf der Kippe stehende Einstein-Stiftung nach vielen Veränderungen und Verzögerungen endlich ihre Arbeit aufnehmen. Doch die Etatverhandlungen haben einen geschwächten Zöllner gezeigt, der weit von jenem Supersenator entfernt ist, als den ihn der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit 2006 holte. Der Umbau des Schulsystems zur Sekundarschule, die Sanierung der Charité und die Entwicklung der Hochschullandschaft sind kaum zu bewältigende Großbaustellen. Und dann noch eine juristische Schlacht um Gebetsräume in Berliner Schulen mit ungewissem Ausgang – da schüttelt auch manches Senatsmitglied den Kopf.

Lenzens Abschied wäre eine neue Drehung im Wettkampf der Metropolen an Elbe und Spree. Welche Wertschätzung hat die Wissenschaft in Berlin wirklich – das ist die Frage, die sich nun stellt. Sie geht über die Ressortverantwortung des Wissenschaftssenators hinaus. Der FU-Präsident verkörpert den erklärten Willen, Berlin zum Standort für Exzellenz zu machen. Dazu braucht es streitbare Persönlichkeiten, politisch unbequem, penetrant beharrlich und überraschend innovativ. Bequem ist das nie für eine Regierung. Aber anders sind keine Erfolge möglich.

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