Lernkultur : Wie lässt sich der Unterricht in der Schule wirklich verbessern?

Auf die Lehrer kommt es an, heißt es in einem neuen Buch: Sie sollten Fehler als Gelegenheit zur Vertiefung sehen und Schülern Raum zur Stillarbeit geben. Und das sind nur einige Beispiele guten Unterrichts.

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Ermutigt. Lehrer, die ihren Schülern viel zutrauen, erzielen bessere Ergebnisse.
Ermutigt. Lehrer, die ihren Schülern viel zutrauen, erzielen bessere Ergebnisse.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Wenn ein Chirurg sein Messer ansetzt, braucht er solide Kenntnisse der menschlichen Anatomie. Aber wenn ein Lehrer seinen Unterricht beginnt – braucht er da die Wissenschaft? Reicht es nicht, sein Fach und die Lehrpläne gut zu kennen, Kurse in Fachdidaktik belegt zu haben und ansonsten experimentierfreudig und von ganzem Herzen Lehrer zu sein?

Nein, das reicht nicht, meint die Psychologin Elsbeth Stern. „Der Lehrer braucht Wissenschaftswissen über das menschliche Lernen“, schreibt sie, er oder sie braucht die Lehr- und Lernforschung. Diese Forschung, die auf empirischen Studien basiert, möchte für den Lehrer das sein, was die Anatomie für den Chirurgen ist, und ihm helfen, „lernwirksam zu unterrichten“. Ob es um Hausaufgaben geht, ums Lernklima, den Sinn von Gruppenarbeit oder um geeignete Unterrichtsaufgaben – zu allem hat die Lehr- und Lernforschung etwas beizutragen. Ihre Erkenntnisse werden aber, so Stern, in der Lehrerbildung und im Schulalltag zu wenig berücksichtigt.

Einen Brückenschlag zwischen beiden, der Wissenschaft und der Schulpraxis, versucht der Cornelsen Verlag jetzt in einem Buch, das von einem Lehrer und einer Lernforscherin gemeinsam verfasst wurde. Michael Felten, seit 30 Jahren Mathematik- und Kunstlehrer an einem Gymnasium, berichtet aus seiner Praxis: Wie er seinen Unterricht plant, mit welchen Ansätzen er mehr oder weniger Erfolg hat, wie er mit Hausaufgaben, Fehlern und schwierigen Kindern umgeht. Elsbeth Stern, Psychologin und Bildungsforscherin, seit 2006 Inhaberin des Lehrstuhls für Lehr- und Lernforschung der ETH Zürich, nimmt anschließend zu jedem Punkt aus Sicht der Wissenschaft Stellung.

Und siehe da: Was der Lehrer aus seiner langjährigen Erfahrung beisteuert, das unterstützt die Wissenschaftlerin in vielen Punkten. Gemeinsam, nur in unterschiedlichen Sprachen, betonen sie: 

Schüler müssen wissen, wofür sie etwas lernen. Themen sollten „kognitiv aktivierend“ eingeführt werde. Etwa mit einer Frage, die die Schüler mit ihrem jetzigen Wissen noch nicht beantworten können, deren Antwort sie aber interessiert. Wenn sie im Folgenden einen Kompetenzzuwachs erleben – jetzt kann ich das erklären! – , motiviert sie das. Aufgaben sollten so gestellt werden, dass sie Lösungen, oder besser: subjektive Erfolge, auf mehreren Niveaus erlauben.

Die Lernkultur sollte „fehlerfreundlich“ sein. Fehler sollten als willkommene Gelegenheit gesehen werden, das Lernen zu vertiefen. Oder, wie Michael Felten es in seinem Unterricht oft gar nicht ironisch sagt: „Das ist aber ein schöner Fehler!“

Stillarbeit muss sein: Schüler brauchen regelmäßig die Gelegenheit, Gelerntes in Ruhe und für sich nachzuarbeiten und einzuüben. Das kann in Form von Hausarbeiten geschehen oder in Form von „Studienstunden“ oder Stillarbeitsphasen im Rahmen des Ganztagsbetriebs.

Tests sind wichtig: So oft wie möglich sollten die Schüler Gelegenheit zu Miniselbsttests haben, die ihnen eine Rückmeldung über ihre Lernfortschritte geben. Nicht zu oft dagegen sollten Lehrer Tests abhalten, bei denen es um Noten und Rangstufen geht.

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