Riskante "Kameradschaftsehen"

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Lesbische Frauen in der NS-Zeit : Verstoß gegen das "gesunde Volksempfinden“
Claudia Schoppmann
Der Film „Aimee & Jaguar“ (1999) mit Juliane Köhler und Maria Schrader zeigte das Schicksal eines Berliner Paares in der NS-Zei
Liebe im Untergrund. Der Film „Aimee & Jaguar“ (1999) mit Juliane Köhler und Maria Schrader zeigte das Schicksal eines Berliner...Imago, United Archives

Waren beide Partner dagegen homosexuell und setzten ihre gleichgeschlechtlichen Beziehungen fort, bedeutete dies eine erneute Gefahr, wie ein Beispiel aus Hamburg zeigt. Dort waren 1935 Adolf Großkopf (1906–1975) und Irma Fischer (1908–2001) eine sogenannte „Kameradschaftsehe“ eingegangen, die wenige Monate später aufgrund polizeilicher Ermittlungen gegen Adolf Großkopf aufflog. Beide Angeklagten wurden vom Landgericht Hamburg zu drei Monaten wegen Betrugs verurteilt. Adolf Großkopf, dem auch homosexuelle Handlungen mit Männern (§175 RStGB) nachgewiesen wurden, erhielt eine Gesamtstrafe von zweieinhalb Jahren. Irma Großkopf wurde eine Strafaussetzung gewährt.

Sexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Frauen standen an sich nicht unter Strafe, im Gegensatz zu solchen zwischen Männern, die durch Paragraf 175 RStGB kriminalisiert wurden. Schätzungsweise rund 50 000 von ihnen wurden im „Dritten Reich“ nach diesem Paragrafen verurteilt.

Anders war die Rechtslage in Österreich. Dort sanktionierte der Paragraf 129Ib des österreichischen Strafgesetzbuches die „Unzucht mit einer Person desselben Geschlechts“ mit Zuchthaus von einem bis fünf Jahren. Dieses Gesetz betraf beide Geschlechter. Es wurde nach der Annexion Österreichs im März 1938 weiterhin gegen Frauen angewandt. Dies führte zu der paradoxen Situation, dass weibliche Homosexualität in Österreich – im Gegensatz zum sogenannten Altreich – strafrechtlich verfolgt wurde. Die Zahl der Verurteilten stieg auch in der „Ostmark“ stark an: Allein in Wien wurden zwischen 1938 und 1943 über 1100 Männer sowie 66 Frauen nach Paragraf 129Ib verurteilt, was einem Frauenanteil von etwa fünf Prozent entspricht. Auch deutsche Frauen konnten strafverfolgt werden, da das „Tatortprinzip“ entscheidend war.

Vom Verhör bis zur KZ-Haft

Aufgrund der vielfältigen Kontrollmechanismen gegenüber Frauen im familiären, rechtlichen, politischen und ökonomischen Bereich konnte auf eine systematische Anwendung des Strafrechts als Mittel zur Abschreckung und Einschüchterung offenbar verzichtet werden. Die Bedrohung durch Denunziationen darf gleichwohl nicht unterschätzt werden – schließlich wurde auch weibliche Homosexualität gesellschaftlich geächtet und entsprach nicht dem „gesunden Volksempfinden“. Allein der Verdacht gegen Frauen oder ihre Benennung in anderen Verfahren reichte für polizeiliche Ermittlungen, Hausdurchsuchungen, Verhöre und andere Maßnahmen. Wenn einzelne Frauen ins Visier des Regimes gerieten, mussten auch sie mit Repressionen rechnen – vom Verhör bis zur KZ-Haft.

So zum Beispiel zwei Frauen, die bei der Straßenbahn in Berlin-Treptow dienstverpflichtet wurden. Ihr Arbeitgeber, die Berliner Verkehrsbetriebe, zeigte die 26-jährige Elli Smula und ihre vier Jahre ältere Kollegin Margarete Rosenberg an. Sie wurden im September 1940 verhaftet und von der Gestapo verhört. Man warf ihnen vor, mit ihren Kolleginnen auf nächtlichen Partys Sex gehabt und am nächsten Tag nicht ihren Dienst versehen zu haben. Am 30. November 1940 wurden Elli Smula und Margarete Rosenberg ins Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück deportiert. Als Haftgrund war in den Lagerdokumenten „politisch“ mit dem Zusatz „lesbisch“ vermerkt. Während Margarete Rosenberg überlebt hat und 1985 verstarb, kam Elli Smula am 8. Juli 1943 in Ravensbrück ums Leben – „ganz plötzlich“, wie ihre Mutter Martha Smula nach Kriegsende angibt.

„Lesbisches Leben spielte sich praktisch nur in der Partnerschaft ab“, so Hilde Radusch (1903–1994), die in der Weimarer Republik als Betriebsrätin bei der Post und von 1929 bis 1932 als Stadtverordnete der Berliner KPD aktiv war. Hilde Radusch erlebte die Befreiung durch die Rote Armee halb verhungert. Seit 2012 erinnert der Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg an der Eisenacher Straße, Ecke Winterfeldtstraße, Raduschs letztem Wohnort, mit drei Denktafeln an das Leben und Wirken dieser außergewöhnlichen Politikerin, Frauenrechtlerin und lesbischen Aktivistin.

Zur Emigration gezwungen

Andere Frauen, die wie Radusch das NS-Regime ablehnten, sahen sich zur Emigration gezwungen, etwa Erika Mann, die zusammen mit ihrer Freundin Therese Giehse mit ihrem antifaschistischen Kabarett „Die Pfeffermühle“ im Ausland gegen Hitler agierte.

Unbekannt ist bis heute, wie vielen Frauen im „Dritten Reich“ Unrecht angetan wurde – weil ihre Liebe dem eigenen Geschlecht galt. Oder weil ihnen dies nachgesagt wurde. Womöglich handelt es sich um eine relativ geringe Anzahl. Doch auch wenn sie nicht im selben Ausmaß und auf ähnliche Weise verfolgt wurden wie homosexuelle Männer: Es hat diese Frauen gegeben und sie haben gelitten – in Fürsorgeheimen und psychiatrischen Anstalten, in Haftanstalten und Konzentrationslagern. Der Begriff „Verfolgung“ darf nicht länger nur auf polizeiliche und justizielle Repression beschränkt werden.

Die Autorin ist Historikerin und als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gedenkstätte Deutscher Widerstand tätig. Der Text ist eine gekürzte Fassung ihres Aufsatzes in dem Band „Forschung im Queerformat. Aktuelle Beiträge der LSBTI*-, Queer- und Geschlechterforschung“, Hrsg. Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (2014), Transcript-Verlag, 24,99 Euro.

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