Lesen : Wie das Kind zum Buch kommt

Viele deutsche Schüler lesen nicht gerne. Auf dem Europäischen Lesekongress in Berlin beraten Experten über Gegenmaßnahmen.

Uwe Schlicht
Lesen
Lehrer sollen die Schüler nach ihren Wünschen fragen. -Foto: dpa

Bücher lesen? Für deutsche Schüler ist das längst nicht mehr selbstverständlich. Andreas Schleicher, der für die Pisa-Studien verantwortliche Analytiker der OECD, bot den 500 Lehrern und Erziehungswissenschaftlern, die in diesen Tagen am 15. Europäischen Lesekongress in der Humboldt-Universität teilnehmen, eine ganze Palette von besorgniserregenden Fakten. Im Durchschnitt der hoch industrialisierten Länder sind in einem Haushalt 51 bis 100 Bücher vorhanden. Und genau in diesem Durchschnitt bewegen sich Deutschland und die USA – zwei Nationen, die heute noch zu den wirtschaftlich stärksten Ländern der Welt gehören.

In Südkorea dagegen, das vor zwei Generationen ein Entwicklungsland war, kommen heute ebenso wie in Finnland mehr als 200 Bücher auf jeden Haushalt. Finnland und Korea erzielen seit Jahren in den internationalen Leistungsvergleichen der OECD die besten Pisa-Ergebnisse bei den 15-Jährigen in der Lesefähigkeit, in Mathematik und den Naturwissenschaften. Zu den weiteren Spitzenländern gehören Kanada, Schweden und Neuseeland. Deutschland dagegen bewegt sich im Durchschnitt oder knapp darüber.

In Deutschland wird täglich eine halbe Stunde und weniger im Buch gelesen – und das nicht aus Freude, sondern als Muss. Deutschland liegt damit im OECD-Durchschnitt. In den Pisa-Spitzenländern wird täglich eine Stunde gelesen – aus Vergnügen.

Bei der Lesefähigkeit unterscheiden die Pisa-Forscher der OECD fünf Kompetenzstufen. Die untersten Kompetenzstufen I und II erlauben allenfalls das Lesen einzelner Texte und eine Zusammenfassung des Gelesenen auf niedrigem Niveau. Die höchsten Kompetenzstufen IV und V setzen das Verständnis komplizierter Texte voraus und verlangen von den Lesern logische Schlussfolgerungen und selbstständige Analysen. Wer die Kompetenzstufen IV und V erreicht, hat gute Chancen, über ein Studium den Anforderungen der Wissensgesellschaft gerecht zu werden. Wer auf den Kompetenzstufen I und II verbleibt, gehört zu jener Risikogruppe, deren Berufserfolg mehr als fraglich ist. In Deutschland gehören zu dieser Risikogruppe 20 Prozent der 15-Jährigen.

Was sollen die Schüler lesen? Schleicher wies den häufig zu hörenden Einwand zurück, dass das Lesen von Comics wenig zur Lesefähigkeit beitrage. Das Lesen von Comics oder auch kurzen Nachrichten in den Zeitungen könne dann die Lesekompetenz fördern, wenn es in der richtigen Mischung mit längeren und komplizierteren Texten geboten werde.

Schleicher bezeichnete eine gute Bildung als „Eingangsticket für die Wissensgesellschaft“. In den 1960er Jahren dominierten noch Routinetätigkeiten in Wirtschaft, Landwirtschaft und öffentlichem Dienst. Ein Wissen, das nur auf Routinetätigkeiten vorbereitet, reiche heute nicht mehr aus. Bloße Routinefähigkeiten führten in die Arbeitslosigkeit. Wer dagegen über ein vielfältiges Wissen verfüge und in Netzwerken denken könne, wer mit Computern und Internet interaktiv arbeite, für den stehe die Zukunft offen. Der Bedarf an solchen Generalisten neuer Art gehe in den führenden Industrieländern der Welt steil nach oben.

Dennoch zeigt sich in den OECD-Analysen folgendes Dilemma: Das Wissen wachse schneller. Aber mit diesem Tempo könnten die Schulsysteme in vielen Ländern nicht Schritt halten, betonte Schleicher. Außerdem müssten sich immer mehr Menschen damit abfinden, dass ihre Bildung nicht mit einem Examen abgeschlossen sei, sondern dass sie lebenslang an ihrer Bildung arbeiten müssten.

Internationale Schulvergleiche, die Entwicklung verbindlicher Bildungsstandards und deren Überprüfung mit Hilfe der Kompetenzstufen bezeichnete Schleicher als Wege zur Schulreform. Deutschland übernimmt jetzt diese Neuerungen. Um die großen Leistungsunterschiede unter den Schülern rechtzeitig erkennen zu können, müssten vor allem die Lehrer in der Diagnose geschult werden. Soziale Unterschiede allein können nicht für Schulversagen und Lebenskrisen verantwortlich gemacht werden, betonte Schleicher. Wenn Schulen ihre Ziele verfehlten, liege das eher am Bildungssystem und mangelnder Reformbereitschaft als an sozialen Diskrepanzen. Unter dem Beifall der Erziehungsexperten aus den Ländern Europas rief Schleicher aus: „Erfolg in der Bildung ist erreichbar.“

Von Finnland lernen. So lautete die Parole, nachdem die Skandinavier mehrfach bei den internationalen Pisa-Tests der OECD so hervorragend abgeschlossen hatten. Auf dem Europäischen Lesekongress gab die Projektleiterin für die Pisa-Untersuchungen in Finnland, die frühere Lehrerin und heutige Professorin Pirjo Linnakylä, Einblicke in das Erfolgsgeheimnis.

Die Finnen haben einen langen Atem. Bereits vor 35 Jahren haben sie damit begonnen, sich Gedanken darüber zu machen, wie man Kinder und Jugendliche für das Lesen begeistern kann. Schon damals fragten sich die Lehrer, ob das nicht vergebene Liebesmüh sei. Und auch heute glauben sie noch nicht den Stein der Weisen zu besitzen, der den Export finnischer Ideen in die Schulsysteme anderer Länder rechtfertigen könnte.

Aber die Finnen haben Erfahrungen gesammelt. Von den zehn Schulen, die im Pisa-Test am besten abgeschnitten hatten, haben sie drei herausgesucht, um zu der an sich banalen Erkenntnis zu kommen, dass man Kinder, die in Lappland am Rande der Wildnis leben, nicht genauso unterrichten kann wie die Schüler in der Hightech-Metropole Helsinki.

Die Lehrer müssten auf die Schüler hören, um zu erfahren, was diese interessiert. So haben sie sich in einer Schule in Ostfinnland mit den Eltern und den Bibliothekaren der Stadt zusammengesetzt, um eine Leseliste zusammenzustellen. Dazu gehören Geschichten, Dramen, Videos und Spielfilme, die auf einer literarischen Vorlage beruhen. Die Schüler wurden aufgefordert, die literarische Vorlage mit dem Film zu vergleichen und so eine Text- und Bildkritik zu lernen.

In den Jahren 2001 und 2004 wurden in Finnland nationale Kampagnen zum Lesen und Schreiben in enger Zusammenarbeit von Schulen mit den Bibliotheken und den örtlichen Zeitungen organisiert. Da auch in Finnland große Lücken zwischen den Leistungen von Jungen und Mädchen klaffen, wurden die Jungen über ihre Freude am Umgang mit Computern und dem Internet gewonnen, selbst Texte zu schreiben und ins Internet zu stellen. Die lokalen Zeitungen haben die besten Texte abgedruckt und über das Projekt berichtet. Gleichzeitig entdeckten die Schüler, dass die Redakteure einzelne Wörter oder Sätze verändert hatten. Das war wiederum der Aufhänger für kritische Diskussionen in den Schulstunden.

Immerhin lesen 60 Prozent der finnischen Schüler Zeitungen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar