Libyen : Den Durst mit der Sonne löschen

Um Meerwasser entsalzen zu können, braucht Libyen keinen Atomstrom. Die Solartechnik hat Vorteile.

Frank Schubert

Wasser ist in Libyen ein knappes Gut. Das nordafrikanische Land setzt sich überwiegend aus Wüsten zusammen. Etwa 85 Prozent seiner Fläche bedeckt die Sahara, nur zwei Prozent sind überhaupt landwirtschaftlich nutzbar. Ständige Flüsse gibt es nicht, nur Wüstentäler – sogenannte Wadis –, die nach starken Regenfällen vorübergehend Wasser führen.

Für nassen Nachschub soll jetzt Meerwasserentsalzung sorgen. Die Anlagen brauchen viel Energie. Diese soll ein Atomreaktor liefern. Eine Absichtserklärung zum Bau eines solchen Kernkraftwerks haben die französische und libysche Regierung vor zwei Wochen unterzeichnet. Experten kritisieren den Deal. Das Wüstenland solle besser auf Sonnenenergie setzen, sagt Claus Mertes, Vorsitzender des Verbandes „Deutsche Meerwasser-Entsalzung“ in Bonn.

Für seine Wasserversorgung zapft Libyen seit den 1980er Jahren unterirdische Süßwasservorkommen in der Sahara an. Dabei handelt es sich um fossiles Wasser, das noch aus der letzten Eiszeit stammt. Einige hundert Meter unter der Oberfläche haben sich Seen gebildet. Mit gigantischen Pump- und Rohrsystemen werden täglich mehrere Millionen Kubikmeter nach oben gefördert. Das Wasser wird in die Küstenregionen geleitet, um vor allem die beiden Großstädte Tripolis und Benghasi zu versorgen.

Dieses „Great-Man-Made-River-Projekt“ (GMMRP) ist für Libyens Wirtschaft enorm wichtig. Es ist das weltweit größte Unternehmen zur Förderung und Weiterleitung von unterirdischem Süßwasser. Sein Ziel hat es erreicht. Wasserzufuhr und Lebensqualität haben sich in den Küstengebieten stark verbessert.

Allerdings ist das Projekt auch umstritten. Die uralten Seen unter der Wüste erneuern sich nicht und werden irgendwann erschöpft sein – Experten zufolge schon in wenigen Jahrzehnten. Bereits jetzt zeigen sich erste Umweltschäden, die das großtechnische Abpumpen angerichtet hat. Die Wasserstände an der Oberfläche und die Grundwasserpegel sind deutlich gefallen.

Kritisiert wird zudem die Nutzung des geförderten Rohstoffs. Libyen bewässert damit landwirtschaftliche Flächen, um Datteln oder Weizen anzubauen. Die Agrarproduktion soll auf diese Weise stark angekurbelt werden, damit genügend Lebensmittel für den Export bereitstehen – ein ökonomisch wie ökologisch fragwürdiges Projekt.

Mit dem Erwerb des französischen Kernkraftwerks könnte Libyen nun zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Erstens ließe sich die Hitze des Reaktors für die Entsalzung von Meerwasser nutzen. Die Wärme würde dabei über mehrere Zwischenschritte in großtechnische Anlagen eingespeist und zum Verdampfen von Meerwasser genutzt.

Der entstehende Wasserdampf wird – ein etabliertes Verfahren – über gekühlte Rohrsysteme geleitet. Dabei kondensiert der Dampf zu Süßwasser. „Die Entsalzungsanlage, die in Libyen geplant ist, könnte pro Tag etwa eine halbe Million Kubikmeter Süßwasser produzieren“, sagt Mertes. Zweitens könnte Libyen mit der vom Kernkraftwerk erzeugten Energie die unterirdischen Wasserreservoirs in der Sahara stärker ausbeuten, indem zusätzliche Pumpen in Betrieb genommen werden.

Doch all dies lässt sich auch ohne Kernenergie erreichen. „In Nordafrika wären solarthermische Anlagen vermutlich sinnvoller als die jetzt angestrebte Lösung“, meint Mertes. Ein solarthermisches Kraftwerk fängt die Sonnenstrahlen mit großen Parabolspiegeln ein und nutzt sie, um Wasser zu verdampfen und damit Turbinen für die Stromerzeugung anzutreiben. Es könnte also, genau wie der Atomreaktor, Wärme und Strom bereitstellen und damit einen ähnlichen Mehrfachnutzen erfüllen wie dieser. Für die Meerwasserentsalzung sei es gleichgültig, ob die Wärme zum Verdampfen des Wassers von einem Kernreaktor oder von einer anderen Energiequelle käme, sagt Mertes. Wenn man eine solarthermische Anlage groß genug auslegen würde, könnte sie ähnlich viel Energie liefern wie ein Atomreaktor. Die Ausbeute der Entsalzung hinge nicht von der verwendeten Kraftwerksform ab.

„Sonnenstrahlung gibt es in Nordafrika überreichlich“, sagt Mertes, „aus meiner Sicht würde sich Libyen langfristig unabhängiger machen, wenn es mehr auf Solartechnik setzte als auf Kerntechnik.“ Denn es sei nicht anzunehmen, dass die westlichen Partner Libyen mit umfassendem atomtechnischen Know-how ausstatten würden. Gravierende Probleme, etwa die Aufarbeitung der radioaktiven Abfälle, wären ohne weitere Hilfe nicht zu bewältigen. Und mit der Endlagerung kommen auch europäische Atomstromländer noch nicht zurecht.

Allerdings sind solar betriebene Anlagen, die Strom- und Wassererzeugung kombinieren, bisher nicht im Einsatz. In den Golfstaaten wird der für die Meerwassererzeugung nötige Strom bisher durch den Einsatz von Gas oder Öl erzeugt. Vor dem Hintergrund, dass auch Länder wie Brasilien oder Indien daran denken, Meerwasserentsalzung mit Atomstrom zu koppeln, könnte Libyen mit einer solarbetriebenen Anlage zum Pionier werden.

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