Wissen : Lindau und die Krisen

Das Treffen der Nobelpreisträger zum Klimawandel ist von Finanzängsten überschattet

Frank van Bebber

Die traditionelle Tagung der Nobelpreisträger in Lindau am Bodensee steht in diesem Jahr im Zeichen der Weltfinanzkrise. Offiziell wollen sich die 23 Nobelpreisträger und 580 Nachwuchswissenschaftler aus 67 Ländern bis zum Mittwoch in Vorträgen und Diskussionen zum Schwerpunktthema Chemie über Lösungsansätze für den Klimawandel und die Energieknappheit austauschen. Doch schon bei der Eröffnung am Sonntagnachmittag dominierte die Finanzkrise das Treffen.

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) forderten Vorrang für Bildung und Wissenschaft in den öffentlichen Haushalten Europas. „Dies gilt umso mehr in Zeiten der wirtschaftlichen Krise“, sagte Schavan. Schavan und Barroso bekräftigten das in der EU vereinbarte Ziel, drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Forschung auszugeben. Dies sei aber nur erreichbar, wenn die Wirtschaft mehr in Forschung investiere, betonte Schavan. Der um seine Wiederwahl als EU-Kommissionschef bemühte Barroso sagte, die Forschung verdiene im neuen EU-Haushalt mehr Aufmerksamkeit. Freundlicher Beifall war ihm da beim Publikum in der Lindauer Inselhalle sicher, zumal Bundesforschungsministerium und Europäische Union wichtige Geldgeber für die jedes Jahr bis zu 1,5 Millionen Euro teure Tagung sind.

Allerdings sieht sich die Stiftung Lindauer Nobelpreisträgertreffen, die die Tagung trägt, durch die Krise in Bedrängnis. Ihre Zinserträge hätten sich halbiert, hieß es. Ein schwerer Schlag, denn die Kosten für die Treffen sind in den vergangen Jahren gestiegen – wegen der von der Stiftung angeschobenen Modernisierung. Zehntausende Bewerber durchlaufen heute das Auswahlverfahren. Statt wie früher meist aus Deutschland kommen die jungen Forscher aus aller Welt. Das will der Vorsitzende Wolfgang Schürer bewahren – und lieber bei Essen und Ausstattung sparen. Noch ist das Programm der 59. Tagung geprägt von Aufbruchstimmung und der Absicht, dem Treffen mehr inhaltliche Relevanz zu verschaffen.

Tatsächlich hat sich die Tagung in den vergangenen Jahren von der verschlafenen Sommerfrische zum Treffpunkt der Elite von heute und morgen gemausert. Von den Teilnehmern des vergangenen Jahres erklärten in einer Umfrage 68 Prozent, der Aufenthalt werde ihre Karriere wohl beeinflussen.

Barroso lobte die hohe Relevanz des Tagungsthemas: „Die Umweltkrise wird unter Umständen noch größer als die Finanzkrise.“ Und Schavan versprach: „Wir wollen grüne Technologien besonders fördern.“ Unter den Ehrengästen auf der Bodenseeinsel waren auch die Wissenschaftsminister Chinas und Indiens.Frank van Bebber

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