Literaturwissenschaft : Die Kraft der biblischen Bilder

Himmel, Herz und Hirn: Warum biblische Bilder trotz naturwissenschaftlicher Erkenntnisse nicht ihren Zauber verlieren.

Christoph Hönig

Die biblische Erzählung vom Sündenfall im Paradies könnte man in abstracto wohl so zusammenfassen: Der Mensch der Frühzeit entwickelt in einem geschützten, nahrungsreichen Lebensraum sein Denkvermögen und wird sich so der Fähigkeit bewusst, Gut und Böse zu unterscheiden. So wird er – im Gegensatz zu den mit ihm lebenden Tieren – schuldfähig.

Hätte der Autor der biblischen Genesis so oder so ähnlich geschrieben, wären diese Zeilen sicher alsbald vergessen worden, und das mit Recht. Seine wahre Erzählung aber vom „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ „in der Mitte des Gartens“, vom Verbot durch Gott Jahwe selbst, der den Menschen unmittelbar anredet, von der verbotenen „Frucht“, der Verführung durch eine sprechende „Schlange“, der Vertreibung aus dem paradiesischen „Garten“ und dessen Abriegelung durch „Cherubim“ mit „loderndem Flammenschwert“ – diese Erzählung in der Sprache der Bilder – sie ist die Sprache der Frühzeit! – wurde fast 3000 Jahre lang weitererzählt unter Milliarden von Menschen.

Ein unüberbietbares Exempel für die Wirkmacht der sprachlichen Bilder, die uns als Archetypen in der grundlegenden Tiefenschicht bewegen. Und so werden diese biblischen Bilder von Paradies und Sündenfall zudem überall im Abendland gemeißelt und gemalt als Reliefs in gotischen Kathedralen, als Gemälde von Michelangelo, Dürer und ungezählten anderen. Als uralte erzählte Bilder gehören sie noch heute zum geistigen Besitz eines großen Teils der Menschheit.

Ein kleiner, aber auffälliger Teil dieser Menschheit – in den USA sind es immerhin etwa 30 Prozent der Bevölkerung, die sich „Evangelikale Christen“, „Fundamentalisten“ oder „Kreationisten“ nennen – liest die biblische Schöpfungsgeschichte so, als wäre sie ein wissenschaftlicher Tatsachenbericht über einen Vorgang, der sich vor gerade einmal 6000 Jahren als Erschaffung der Welt abgespielt habe, und zwar im Zeitraum von sechs Tagen.

Was Astrophysik und Evolutionsbiologie längst in allen Einzelheiten bewiesen haben, gilt ihnen nichts. Der Urknall vor 13,7 Milliarden Jahren und die biologische Evolution auf unserem Planeten von den Mikroorganismen bis zum Homo sapiens seit 3,5 Milliarden Jahren – das sind in der Tat unvorstellbare Zeiträume! Makro- wie Mikrokosmos lassen sich letztlich nur noch mit Modellen und mathematischen Formeln beschreiben.

Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse führen immer wieder zur schwindelerregenden Grenzerfahrung des Unvorstellbaren, in keinem Bild mehr fasslich Anschaubaren! Kein Wunder, dass sich eine nennenswerte Anzahl von Menschen erschrocken abwendet und sich in eine Art trotzig verkündeten Kinderglauben flüchtet, der selbstredend auch die literaturwissenschaftliche Interpretation der biblischen Texte missachtet.

Das Weltbild der Genesis ist vorwissenschaftlich. Es einem heutigen, wissenschaftlichen gleichzusetzen, ist nichts als selbst verschuldete, ideologisch gewollte Unwissenheit, die fassungslos macht.

Wer heuristisch die Sprache früher Bilder zu decodieren gelernt hat, wird diese nicht pseudowissenschaftlich oder kindisch wörtlich missverstehen, sondern vielmehr als Weltkulturerbe begreifen und bewundern. Die vermittelnde Instanz der Imagination ist das Zugeständnis an das natürliche Bedürfnis des Menschen, das geheimnisvoll Heilige zu fassen. Bilder sind Bilder, keine naturwissenschaftlichen Fakten und Formeln. Ihr Wirkungsfeld ist das menschliche „sensorium commune“ (nach Herder): Sie wirken auf die Sinne, und so bewirken sie Sinn. Daher betreffen sie nicht allein den Verstand, sondern ganzheitlich Hirn und Herz des Menschen. Man wird also dabei sehr wohl vieles denken, aber auch sehr stark empfinden.

Eines der großartigsten Bilder ist der Himmel. In den meisten Sprachen der Welt ist er zugleich die Bezeichnung für die Region der Gestirne und der Wolken wie auch für den Wohnort der Götter oder Gottes mit seinen himmlischen Heerscharen und damit auch der Aufenthaltsort der auserwählten verstorbenen Menschen.

Einerseits also ist der Himmel ein geistiges Reich: das nach dem Weltgericht wiederhergestellte Paradies (heaven), andererseits ist er zunächst doch das scheinbar über dem Horizont sich erhebende Himmelsgewölbe: eine hellblau leuchtende feste (lateinisch „firmus“) Kuppel, das „Firmament“ (sky). Dieses war seit biblischen Zeiten die äußere Seite des Thronsaales Gottes, in dem sich auch die Heiligen und geretteten Gläubigen versammeln. In den Deckengemälden der Barockkirchen wird Gott selbst mit seinen Heiligen, selig auf Wolken schwebend, lebhaft und farbig ausgemalt. Der Himmel: was für ein Bild, zu dem auf ihre Weise alle Völker des Erdballs aufschauen konnten! Noch Schiller singt (1786) in seiner Ode „An die Freude“: „Brüder – überm Sternenzelt / Muss ein lieber Vater wohnen.“ Dabei kann man kaum überhören, dass sich im betonten „muss“ zugleich moderner Zweifel wie alte Glaubenssehnsucht mischen. Es „muss“ so sein – sonst? Sonst gerät man, wie Schiller in einem etwa gleichzeitigen Gedicht (Die Größe der Welt) sagt, ins „Reich des Nichts“.

Längst schon könnten wir wissen: Das herrlich blaue Himmelszelt ist eine optische Täuschung. Es wird verursacht durch kurzwelliges, blaues Streulicht. Der schwarze Weltraum, in den wir mit Riesenteleskopen eindringen und in den die Weltraumfahrer hinaufgeschossen werden, kann nicht der Himmel des Glaubens sein. Der Herr des Himmels ist also obdachlos geworden. So schwindet dem heutigen Gläubigen das bildhafte Hochwertwort „Himmel“ ins unfassbar Abstrakt-Begriffliche: Der unsichtbar gewordene Bereich Gottes ist kein Ort mehr, sondern eine „Seinsweise“.

Diesen allgegenwärtigen, allezeit dynamisch die Welt in sich selbst schaffenden Gott verkündet Goethe in einem späten Gedicht (1815): „Was wär’ ein Gott, der nur von außen stieße, / Im Kreis das All am Finger laufen ließe! / Ihm ziemt’s, die Welt im Innern zu bewegen, / Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen, / Sodass, was in Ihm lebt und webt und ist, / Nie Seine Kraft, nie Seinen Geist vermisst.“

Als naturwissenschaftlich Informierter weiß man von der Nichtgleichheit des physischen und des metaphysischen Himmels. Wenn aber (wie in Kleists Marionettentheater) „die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist“, darf man vielleicht neu in einer „zweiten Naivität“ emporblicken zum Himmel, der in seiner anschaubaren Unendlichkeit, seinem wunderbaren Leuchten und seiner erhabenen Schönheit und Einzigartigkeit seit jeher Gottes Sinnbild war und so auch heute in gewisser Weise wieder sein kann.

Zum Kronzeugen hierfür mag einer der größten Philosophen der Neuzeit dienen. Kant formuliert zum „Beschluss“ seiner „Kritik der praktischen Vernunft“ (1788) die berühmten Worte von den „zwei Dingen“: „der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“. Der „bestirnte Himmel“ bedeutet ihm offenbar weit mehr als ein fernes astrophysikalisches Phänomen. Kant erkennt diese beiden letzten, höchsten Dinge über und im Menschen als Existenzialien: „Ich sehe sie vor mir und verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewusstsein meiner Existenz.“

Und so ist der „bestirnte Himmel“ über unseren Häuptern, zu dem die Völker aller Zeiten einst gläubig aufgeschaut haben, nun in der Neuzeit für den großen kritischen Philosophen doch wieder ein wahres sprachliches Bild im höchsten Sinne, ja das Realsymbol des Höchsten.

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