Madagaskar : Masterplan für den Artenschutz

80 Prozent aller Tiere auf Madagaskar gibt es nur dort. Mit einer neuen Strategie wollen Wissenschaftler diese Vielfalt erhalten.

Roland Knauer
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Weitsichtig. Forscher richten Schutzzonen ein, um bedrohte Tierarten wie den Madagaskarfrosch vor dem Aussterben zu bewahren. -Foto: Imago

Matsch quatscht unter derben Schuhen, ansonsten ist der Bergregenwald Madagaskars beinahe unheimlich still. Nur eine Gruppe Menschen keucht unter dem dichten Kronendach des Waldes schwitzend den steilen Hang hoch. Plötzlich niest es oben in den Wipfeln, es klingt wie „Schi-Fak“. In einer Astgabel sitzt der Urheber dieses Lautes wie ein groß geratener, schwarz-weiß gefärbter Teddybär. Er würdigt die Eindringlinge unter ihm keines Blickes. Nicht nur diese nach ihrem Nieslaut „Sifaka“ genannten knapp 60 Zentimeter langen Lemuren leben nur auf Madagaskar. Rund 80 Prozent aller Tierarten auf der viertgrößten Insel der Welt kommen nirgendwo sonst von Natur aus vor. Sämtliche Lemurenarten, die zu den Feuchtnasen- oder Halbaffen gehören, gibt es nur hier, genau wie die Hälfte aller Chamäleons. Doch weil auch auf Madagaskar Menschen die Natur nutzen, drohen viele dieser Arten über kurz oder lang zu verschwinden.

Schon im Jahr 2003 hat der Präsident der Republik daher verkündet, die Naturschutzflächen auf der Insel zu verdreifachen. Rund zehn Prozent der Landesfläche sollen also geschützt werden, die mit 587 000 Quadratkilometern fast so groß wie die iberische Halbinsel ist. Welche Flächen aber sollte man schützen, um das meiste für die Artenvielfalt zu erreichen? Die Antwort auf diese Frage haben jetzt 22 Naturwissenschaftler aus aller Welt geliefert und im Fachblatt „Science“ (Band 320, Seite 222) veröffentlicht.

Noch immer werden auf der Insel Arten entdeckt

Naturschützer beantworten eine solche Frage meist mit dem Stichwort „Flaggschiff-Art“. Gemeint ist damit eine große, auffällige und meist auch öffentlichkeitswirksame Art wie Tiger oder Nashorn. Solche Tiere werden leicht zum Symbol eines Lebensraums und regen als Sympathieträger auch den Spendenfluss kräftig an. Aber ist das für den Artenschutz optimal, der ja auch einzigartige, winzige Käfer, die nur hier vorkommende Ameisen oder die oft weniger spektakulären Pflanzen schützen sollte?

Die Forscher gingen daher einen völlig anderen Weg. Sie sammelten die Daten von 2315 Arten von Ameisen, Schmetterlingen, Fröschen, Geckos, Lemuren und Pflanzen, die nur auf Madagaskar vorkommen. Anschließend legten sie im Computer ein Netz über die Insel, dessen Maschen mit 86 Hektar der Größe von rund 120 Fußballfeldern entsprachen. In jeder dieser Maschen trugen sie ein, welche Arten darin vorkommen. So kann man ausrechnen, welche Maschen und damit welche Regionen geschützt werden müssen, um möglichst viele oder besser alle der 2315 Arten zu schützen.

„Hinter solchen nüchternen Angaben steckt anstrengende Forschung“, erklärt Frank Glaw von der Zoologischen Staatssammlung München. Mit Miguel Vences von der Technischen Universität Braunschweig hat er die Daten über die Frösche auf der Insel zusammengetragen. Und das über die letzten 20 Jahre. „Seit 1987 fliege ich praktisch jedes Jahr nach Madagaskar“, sagt Glaw. Auf ähnliche Weise haben seine Kollegen aus aller Welt Daten über andere madagassische Arten erhoben.

2315 Tiere und Pflanzen gibt es auf Madagaskar

Vier bis sechs Wochen bleibt Glaw jeweils, lebt die meiste Zeit in einem Zelt in der Wildnis. Nach dem abendlichen Platzregen erkundet der Zoologe den Regenwald, der wie eine überhitzte Waschküche dampft. Zunächst ist vor allem Lauschen angesagt. „Denn am Aussehen lassen sich die Froscharten eines Gebietes oft kaum unterscheiden“, das hat er in vielen Jahren gelernt. Das Tarnkleid der unterschiedlichen Frösche in einem bestimmten Fleck Regenwald ist ziemlich ähnlich. „Ihre Rufe sind aber meist ganz unterschiedlich“, erklärt Glaw.

Bei einem unbekannten Ruf handelt es sich also meist auch um eine neue Art. Bioakustik heißt die Disziplin, die Tiere nach ihren Rufen unterscheidet. Die neue Art muss natürlich eingefangen werden. Dazu knipst der Biologe seine Taschenlampe an und greift den geblendeten Frosch blitzschnell mit der Hand. Zurück im Zelt werden die Amphibien bestimmt – und zwischendurch noch die Blutegel entfernt, die sich bei dem Ausflug an den Beinen des Forschers festgebissen haben.

Zurück in Deutschland analysiert das Team um MiguelVences dann das Erbgut der Neuentdeckungen. Rufen zwei ähnlich aussehende Frösche unterschiedlich, sind meist auch die Unterschiede im Erbgut größer als zwischen Mensch und Schimpanse. Womit endgültig bewiesen wäre, dass es sich um zwei Arten handelt. Auf Madagaskar finden Biologen wie Frank Glaw noch häufig neue Arten.

Der Druck auf die Natur lässt ein wenig nach

Doch mit der reinen Beschreibung gibt sich ein moderner Biologe längst nicht mehr zufrieden. Er weiß nämlich auch, dass die arme Bevölkerung der Insel wie überall in anderen Ländern Afrikas rasch wächst. Und jeder zusätzliche Madagasse benötigt ein weiteres Feld, aus dem er seine laut Statistik 200 Kilogramm Reis im Jahr gewinnen kann. Und so haben die Frösche und Lemuren wieder ein Stück weniger Natur zum Leben.

Mittlerweile erklären Männer wie der Madagasse Sylvain Razafimandimby von der Naturschutzorganisation World Wide Fund For Nature (WWF) ihren Landsleuten, wie sie auf kleineren Feldern mehr Reis ernten können. Der Druck auf die Natur lässt also ein wenig nach. Dennoch braucht die Regierung Daten, um entscheiden zu können, welche Gebiete sie schützen muss, um möglichst alle noch lebenden Arten zu retten. Den Weg dorthin zeigen jetzt die 22 Wissenschaftler mit ihrem Artikel im Fachblatt „Science“ auf. Mit dem von ihnen entwickelten Computerprogramm können sie die schützenswerten Regionen genau benennen, die ausreichen. Und damit hat die Regierung eine wissenschaftliche Grundlage für ihr Naturschutzkonzept.

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